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Zwischenruf: Raus gehen

Der Zwischenruf beim 6. Netzwerktreffen von glaubensreich kam von Favor Bancin. Er ist Pfarrer der Pakpak Dairi Evangelische Kirche in Indonesien. Pakpak ist eine Ethnie im Norden Sumatras mit einer eigenen Sprache. Hier sein Impuls in seinen eigenen Worten:

Ich bin seit 04. Mai 2015 in Deutschland. Zuerst habe ich  in Bochum Deutsch gelernt. Seit März 2016 arbeite ich als Austausch-Pfarrer in der Thomaskirche Wuppertal, in der VEM (Vereite Evangelische Mission), und auch im gmd (Amt für Gemeindeentwicklung und missionarische Dienste).

Viele Leute haben mich gefragt, warum ich ausgerechnet eine Gemeinde in Deutschland übernehmen wollte? Auf diese Frage habe ich geantwortet: „Eigentlich wollte ich das gar nicht. Es ist nicht mein Wunsch, hier zu sein. Oder er war es zumindest nicht. Aber es gehört nun mal zu meiner Aufgabe, das zu tun, was meine Kirchenleitung von mir verlangt. Meine Kirchenleitung hat auch gedacht, dass diese Gelegenheit gut für unsere Kirche als neues Mitglied der VEM ist.“

Aber ich hatte auch einen persönlichen Grund für diese Entscheidung. Ich wollte mich selbst herausfordern. Ich wollte heraus aus meiner Komfortzone. In Indonesien kenne ich mich aus. Ich weiß, wie ich handeln muss. Ich weiß, wie ich mich zu benehmen habe. Aber hier bin ich wie ein kleines Kind. Ich muss sprechen lernen und viele neue Sachen kennen lernen. Das ist eine große Herausforderung für mich.

In den ersten Monaten in Bochum erlebte ich viele schwierigen Situationen. Zum Beispiel habe ich viele Gottesdienste besucht, aber ich habe nicht verstanden, was der/die Pfarrer/in seiner/ihrer Predigt gesagt hat. Oder ich habe mit jemandem nach dem Gottesdienst gesprochen, aber die Person hat gar nicht verstanden, was ich gesagt habe. Manchmal habe ich mich gefragt, warum ich überhaupt hier bin, wenn ich mich noch nicht ausdrücken kann. Wie soll ich mich hier mit den Menschen über unsere Kulturen und unseren Glauben austauschen, wenn ich noch nicht mal sprechen kann? Wenn Menschen mich nicht verstehen und ich die Leute nicht verstehe? Das war eine Katastrophe für mich.

Ich musste ehrlich gestehen, dass ich zu diesem Zeitpunkt nach Indonesien zurückfliegen wollte. Gott Sei Dank ist das nicht passiert. Meine Frau hat mich an die Schwierigkeiten erinnert, die ich im Dialog mit den Muslimischen Gemeinschaften in Indonesien hatte. Der Dialog braucht Geduld und harte Arbeit. Nur mit dieser Methode habe ich gute Beziehungen mit meinen Schwestern und Brüdern. Das Gleiche gilt auch hier in Deutschland. Ich brauche Zeit und Geduld, um mein Deutsch zu verbessern und mit der Kultur vertraut zu werden. Ich lobe den Herrn für die Herausforderung, so viele Neues zu lernen. Dadurch wird mein Glauben wachsen. Ich und meine Frau haben keine Familie hier und keine Ahnung von meiner Arbeit, weil alles neu ist. Nur mit Gottes Kraft kann ich das schaffen und weitergehen.

Für uns ist das Kirchengebäude ein Ort der Hoffnung. Im Alltag treffen wir immer wieder auf Armut und Arbeitslosigkeit, Krankheit ohne Krankenversicherungssystem, ein defizitäres Bildungssystem, und in der Folge aller dieser Probleme Korruption und Kriminalität. Gerechtigkeit und Sicherheit sind nur ein Traum für uns, insbesondere für uns Christen als eine Minderheit der Bevölkerung. Unser tägliches Leben ist manchmal hoffnungslos. Deswegen brauchen wir Hoffnung auf ein besseres Leben.

Im Gottesdienst bekommen wir diese Hoffnung und auch Trost. In der Kirche treffen wir andere Leute, die die gleichen Probleme haben. Dort hoffen wir unser Leben zu verbessern – vielleicht nicht auf der Erde, sondern im Himmel. Das ist der Hintergrund, warum viele Menschen zur Kirche gehen.

Vielleicht haben Christen in Deutschland diesen Hintergrund nicht mehr, weil Sicherheit und Gerechtigkeit in Deutschland gut funktionieren. Ich sehe in Deutschland, dass die Politik und Regierung verantwortungsvoll handeln. Das haben wir in Indonesien noch nicht erlebt.

In Deutschland lerne ich Balance zu halten zwischen Spiritualität und Sozialarbeit. In Indonesien konzentrieren wir uns auf die spirituellen Dinge. Hier in Deutschland sehe ich viele gute Sozialarbeit von der Kirche. Aber ich fühle wenig spirituellen Grund. Hier fühle ich, dass meine Seele manchmal so leer ist. Das ist mein Gefühl. Ich möchte nicht generalisieren. Oder?

Für mich endet der Prozess des Aufmachens nicht hier, wenn ich von meiner Erfahrung spreche, auch nicht, wenn ich von ihren Erfahrungen höre. Der Aufmachensprozess ist endlos. Ich brauche immer Partner, um diesen Prozess gemeinsam zu erfahren, und beziehungsweise zu leben. Vielen Dank.