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Zwischenruf: Netzwerken – warum und wie?

Beim 4. Netzwerktreffen von glaubensreich am 19. September 2015 hatten wir einen Zwischenrufer zu Gast: Martin Herrndorf. Er selber stellt sich als Soziologe, Volkswirt und Radfahrer vor. Als erfahrener Netzwerker hat er das Gemeinschaftsbüro „COLABOR“ für Menschen aus dem Nachhaltigkeits-Bereich mitgegründet, sowie dreimal den „Tag des guten Lebens“ begleitet. Hier sein Impuls in verschriftlicher Form:

Auch wenn oder gerade weil meine aktive Kirchenzeit schon ein bisschen her ist, habe ich mich sehr über die Einladung und den Austausch gefreut und ein paar Gedanken und Erfahrungen zum Thema „Netzwerken“ mitgebracht. Dabei spreche ich natürlich eigentlich zu den wahren Experten – Gemeindearbeit ist immer auch Netzwerkarbeit. Aber vielleicht ist ja trotzdem für den ein oder anderen etwas Neues dabei.

Netzwerken – aber warum und wieso?
Netzwerken ist eine Tätigkeit, es ist aktiv, es ist dynamisch. Es geht dabei nicht darum, wer in welche „Kreise“ geboren wurde und wer wen kennt, sondern darum, wer wen wie kennenlernt und was für eine Beziehung er oder sie zu diesen Menschen aufbaut. Netzwerken funktioniert zwar auch in (großen) Organisationen – aber insbesondere darüber hinaus. Netzwerken sprengt damit alte Grenzen auf und schafft neue Verbindungen. Und wenn Sie das Wort „Netzwerken“ nicht mögen – ersetzen Sie es durch „Beziehungsarbeit“.

Und für den sozialen Wandel brauchen wir das Netzwerken, auch, weil unsere Welt in Bewegung geraten ist. Zum einen funktionieren die alten Netzwerke nicht mehr, oft, weil sie nicht offen und beweglich sind. Kirchengemeinden zum Beispiel erreichen bestimmte Gruppen nicht mehr. Die größte „religiöse“ Gruppe in Deutschland sind mittlerweile die Atheisten (33%), vor Protestanten und Katholiken, die ja auch nicht mehr alle dauernd in die Kirche gehen. Gar nicht zu sprechen von der neuen religiösen Vielfalt in der Gesellschaft über das Christentum und seine Schattierungen hinaus, auch durch die verschiedenen Migrationswellen der letzten Jahrzehnte. Und selbst wenn sie religiös sind, binden sich viele Menschen nicht mehr langfristig – die Kirche, in die man Jahrzehntelang zum Gottesdienst geht, wird zur Ausnahme.

Wir brauchen auch neue Netzwerke, um die Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen: Wie integrieren wir die Flüchtlinge? Wie bauen wir unsere Gesellschaft so um, dass wir weniger abhängig vom Öl, von der global agierenden Lebensmittelindustrie, von der Finanzindustrie werden? Für alle diese Aufgaben müssen wir neue Verbindungen und Beziehungen knüpfen.

Ein paar Beispiele:
In meiner Arbeit geht es daher ganz viel um Netzwerken und den Aufbau von Beziehungen. Im COLABOR, einem Gemeinschaftsbüro und Veranstaltungsort, und bei der Agora Köln, einer Bewegung für Wandeln in Köln, bauen wir gezielt Netzwerke auf. Dies geschieht durchaus im Dialog mit bestehenden „Organisationen“ (auch Kirchengemeinden).

Im COLABOR | Raum für Nachhaltigkeit bringen wir Texter, Designer, Pädagogen, Vertriebler in einem Raum zusammen, sprechen Nachbarn und thematisch interessierte Menschen aus dem Umfeld an. Wir bringen dauernd Menschen zusammen: Gründer mit Designer und Programmierern, Vertriebler mit potentiellen Kunden oder Multiplikatoren, Jobsuchende mit Unternehmen, Menschen mit Projektideen mit solchen, die ihnen helfen können, daraus gelebt Realität zu machen. Das ganze passiert zum einen bei unseren Events – ein wöchentlicher gemeinsamer Salat, regelmäßige Info-Abende und offene Treffen, aber auch ganz viel im Alltag eines Büros mit 25 offenen und engagierten Nutzern.

Beim „Tag des guten Lebens“, einem autofreien Sonntag in Kölner Stadtteilen, sprechen wir Anwohner gezielt an, motivieren sie, am Tag selber Aktionen zu machen, binden sie in die Vorbereitung ein, als Experten, Designer, Illustratoren, Flyerverteiler und Multiplikatoren, bereiten und feiern den Tag gemeinsam mit ihnen. Und hoffen, dass sich darüber im Veedel, wie die Stadtviertel hier in Köln heißen, dauerhaft neue Netzwerk und Kontakte ergeben. Als Basis für Wandel und für Veränderung, für kulturellen Austausch und für ein politisches Engagement, vor Ort aber auch stadtweit.

Wie funktioniert das?

Also, Netzwerken ist wichtig. Aber wie funktioniert das genau? Zum ersten: Netzwerken ist direkt zweckgebunden, sondern geschieht aus Interesse und Neigung. Vertrieb oder Spendenakquise ist zweckgebunden –Netzwerken dagegen ist offen, setzt auf Beziehungen, deren Nutzung gerade noch nicht klar und vollständig absehbar ist. Deswegen ist Netzwerken immer auf Dauer angelegt – manche Kontakte sind sofort sinnvoll, manche erst nach vielen Jahren. Der einsame, eckenstehende Partybesucher von 2000 kann 2015 ein spannendes Unternehmen gegründet haben.

Zum zweiten: Es geht nicht nur darum, Menschen direkt kennenzulernen, sondern auch, sich neue Netzwerke zu erschließen. Nach dem „wen kenne ich“ kommt das „wer wen kennt und weiß ich, wer wen kennt?“. Zum Netzwerken gehört auch das Vorstellen und Einführen – wer Kontakte teilt, bekommt auch wieder Zugang zu den Kontakten in seinem Netzwerk. Netzwerke laufen daher oft über Knotenpunkte – über Menschen, die gerne Menschen kennenlernen, einfach Beziehungen aufbauen und Kontakte gerne teilen. Manchmal reicht es, ein paar dieser „Multiplikatoren“ zu kennen, um (indirekt) Zugang zu erstaunlich viele Menschen zu bekommen.

Zum dritten: Es sind beim Netzwerken oft nicht die engen, jahrelangen Beziehungen, sondern eher die offenen, zufälligen Bekanntschaften, die „weak ties“. Ganz einfach, weil man als Mensch nur begrenzt Zeit und Energie für enge, dauerhaft und intensiv gepflegte Beziehungen hat, und diese deswegen so kostbar sind. Aber auch Bekanntschaften lassen sich pflegen, vom Grüßen über den zugeschickten Artikel oder einen Event-Tipp ab und zu.

Zum vierten: Netzwerken kann man lernen, für das Netzwerken kann man Routinen entwickeln, man kann es auch als Organisation fördern. Ein Bekannter von mir hält einmal im Monat ein „offenes Abendessen“ in einem Restaurant, jeder kann kommen, jeder kann Menschen mitbringen. Als Organisation kann man offene Veranstaltungsformate wählen, mit Zeit für den Austausch. Und „sprich mit mir über“-Namensschilder bieten Gesprächsaufhänger für den Small-Talk in der Büffetschlange und helfen, Menschen mit gemeinsamen Interessen zu identifizieren.

Zum letzten: Nicht jeder muss Netzwerken. Netzwerken sollte Spaß machen. Neue und spannende Menschen kennenzulernen, gemeinsame Interessen erkunden, im (wohl eher losen) Kontakt bleiben, sich gegenseitig mit Wissen und Kontakten helfen – das alles kann bereichernd und horizont-erweiternd sein.
Viel Erfolg und viel Spaß dabei!

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  1. Pingback: Wer braucht denn Netzwerke? | glaubensreich

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