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Zwischenruf: Kirche „glaubensreich“ wahrnehmen

Unsere Gesellschaft, die Menschen in dieser Gesellschaft, wir selbst, wir haben uns verändert. Und deshalb verändert sich auch die Kirche. Deshalb muss sie sich bewegen und verändern.

Ich mache kurz vier Trends aus:

  • Wir leben in einer religiös pluralen Gesellschaft
  • Die Kirche wird immer weniger von Tradition und Sozialisation getragen.
  • Der Einzelne entscheidet in einer auch religiös multioptionalen Gesellschaft über seinen Glauben und die Traditionen, in denen er (oder sie) Anschluss nimmt und seinen Glauben gestaltet;
  • In der immer stärker ausdifferenzierten Gesellschaft hat Kirche vor allem die Funktion einer Glaubensgemeinschaft. Die Kirche hört auf als privilegierte körperschaftliche Institution. Im besten Fall wandelt sie sich in eine religiöse Organisation, die als Rückgrat einem lebendigen Netzwerk von Menschen dient.

Die Kirche gewinnt in dem Maße an Zukunft, wie es ihr gelingt, Menschen zu gewinnen, ihren Glauben zu teilen – und das hängt daran, wie weit sich dieser Glaube als relevant und strahlkräftig erweist: ein Glaube, der trägt; ein Glaube, der tröstet; ein Glaube, der Hoffnung schenkt, Identität und Orientierung im Evangelium von Jesus Christus.

Drei Perspektiven auf die Kirche

Mindestens so relevant wie diese Trends ist die Art und Weise, wie wir auf unsere Kirche gewohnt sind zu schauen. Welche Bilder und Blickwinkel bestimmen unseren Blick auf die Kirche?

  • Blickwinkel 1:
    Weiter so. „Same procedure as every year“ – und Augen zu. „Miss Sophies 90. Geburtstag“ – und wenn wir am Ende nur noch zu zweit sind. Auch das soll ja Verheißung haben.
  • Blickwinkel 2:
    Nostalgie: Zurück nach gestern, als alles noch besser war. Verbunden mit einem defizitorientierten Blick auf das heute. Das gestern wird zum Maß für das heute. Tendenziell eine Kolossal-Überforderung: Frust, Stress, Erschöpfung sind angesagt.
  • Blickwinkel 3:
    Kirche verheißungsorientiert wahrnehmen. Raus aus unseren Denk-Schachteln hinein ins Leben springen. Jesaja 43, 18 heißt es: „Denkt nicht mehr an das Vergangene und achtet nicht auf das Vorige. Denn seht: Ich schaffe ein Neues, jetzt sprosst es auf! Merkt ihr es denn nicht?“ Der Status quo ist nicht normativ! Das bedeutet für mich, Kirche glaubensreich wahrzunehmen und zu gestalten.

Kirche verheißungsorientiert wahrzunehmen – bedeutet …

  1. Kirche auch als eine geistliche Wirklichkeit wahrzunehmen. Glauben wir, dass Gott seine Kirche führt? Glauben wir, dass auch in den Durstphasen der Kirche, Gott der kreativ Wirkende ist. Dass wir zuerst Empfangende sind? Dass all unser Gestalten aus Gottes Geist seine Kraft empfängt? Dass Christus in seiner Kirche unterwegs ist? Dass Kirche die Sozialgestalt Christi mitten in dieser Welt ist?
  2. Ausschau zu halten nach den Vor-Zeichen des Werdens des Reiches Gottes heute. Dabei helfen uns Jesu Bilder vom Reich Gottes. Kirche wird Kirche, wo sie Gottes Verheißungen traut und folgt. Das beginnt klein und unmerklich, mitten unter uns, mitten in der Welt. Die Kirche ist nicht das Reich Gottes! Aber Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie sich auf dem Weg des Reiches Gottes begibt und bewegt.
  3. Ein wiederkehrendes Bild Jesu ist das vom Weizenkorn. Das Weizenkorn stirbt, wandelt sich, entwickelt darin eine neue Gestalt. Das Weizenkorn wächst, indem es stirbt. So schmerzlich es ist, wenn vertraute (Gottes- und Kirchen)Bilder nicht mehr stimmen, wenn ehemals starke Worten leer, wenn früher einmal tragende Rituale nicht mehr zu bergen vermögen; wenn von früherer kirchlicher Deutemacht nur noch Trümmer und Ruinen zeugen, so gehört doch auch das zu einer Kirche in Bewegung: das Lassen, das Verlassen alter Wege, das Los-lassen vermeintlicher Sicherheiten, um frei zu sein für den Aufbruch ins Neue, zu neuem Leben. Es gibt nicht nur einen kreativen Aufbruch. Es gibt auch eine kreative Zerstörung. In ihr scheint Gott zu schweigen – und ist doch auch darin geheimnisvoll gegenwärtig. Bewegung und Veränderung i.S. des Weizenkornweges bedeutet Transformation, Verwandlung. Ist der geistliche Ort der Kirche heute anzusiedeln zwischen Karfreitag und Ostern: am Karsamstag, an dem Tag, an dem Gott abwesend scheint, dem Tag, an dem die Glocken schweigen?
  4. Damit sind wir dicht bei dem, was den reformatorischen Elan ausmachte. Reformatorisch Kirche wahrnehmen heißt, dass sich unsere Strukturen zweckdienlich daran ausrichten müssen, Christus, dem Evangelium und seiner Begegnung mit den Menschen Raum zu schenken. Die Kirche und ihre Strukturen sind nicht Selbstzweck. Sie müssen sich wandeln, damit sie dem Zur-Welt-Kommen Gottes im lebendigen Christus dienen. Dafür sind immer wieder neue Formen und Gestalten nötig, neue kirchliche Lebens- und Ausdrucksformen. Das ist „Kirche in Bewegung“.

Wenn etwas an „glaubensreich“ glaubensreich ist, dann ist es dieses Sich-Einlassen auf einen Prozess in den Fußspuren der Verheißungen Gottes. Glaubensreich ist ein Prozess in der biblischen Ahnung, dass das Neue oft ganz klein und unscheinbar beginnt. Es ist nicht gleich, „zack“ da: Gewohntes wird verlassen, etwas stirbt. Das kann bitter sein. Wenn vertraute Worte auf einmal leer scheinen. Alte Bilder nicht mehr tragen. Dann braucht es Geduld. Neue Saat wird ausgestreut und aufgenommen. Etwas wird. Zunächst im Verborgenen. Es wächst. Sein Gedeihen ist ein organischer Lebensprozess. Solche Prozesse des Lassens, des Aufbruchs, Saatkörner, erste Keimlinge, vielleicht sogar schon aufwachsende Halme wollen wir bei „glaubensreich“ suchen, wahrnehmen, fördern, zusammenbringen: Ideen, Menschen, Projekte, Gemeinden, auch neue Formen von Gemeinden – um der einzelnen Aufbrüche willen und um gemeinsam „Kirche in Bewegung“ zu werden. Dass wir uns auf diesem Weg gemeinsam unterwegs wissen, dass wir uns unserer Berufung vergewissern, dass mutige Aufbrüche Inspiration und Unterstützung erfahren.

Die Kirche geht nicht unter, sie verändert sich. Bloß weil eine Gestalt von Kirche aufhört, hört nicht die Kirche auf. Die Kirche lebt aus der Gegenwart Christi – und ihrem Mut, ihr zu trauen und im Alltag nachzugehen. „glaubensreich“ macht sich mit dieser Verheißung auf zur Kirche von morgen, wie sie heute unter uns schon anfängt. Mutig, achtsam, kreativ, experimentell, ökumenisch. So würde ich es mir wünschen. Von Christus getragen. Erkennbarer und sichtbarer Ausdruck unseres gemeinsamen Glaubens.

Das würde ich mir wünschen: dass glaubensreich als Initiativprozess Hebammendienste dafür leistet, dass Gottes Wort in neuer Weise heute „zur Welt kommt“!

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