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Zum Nachdenken – Teil 4: Nach der Zukunft Ausschau halten

Wir haben in unserer Kirche in den vergangenen Jahren zahllose Umstrukturierungsprozesse durchgeführt. Bei allem Reformwillen stand dahinter die Sehnsucht: wie flicken wir uns unsere Kirche so zurecht, dass alles so bleiben kann, wie es ist. Das aber erschöpft. Erschöpfung ist der Verbrauch der inneren Kraft, die wir benötigen, um aufzubrechen. Wer sich erschöpft, zieht sich auf sich selbst zurück. Gegen Herausforderungen werden die üblichen Handlungsmuster abgespult, die aber nicht mehr helfen. Das Bollwerk des Widerstandes und der Abwehr wächst. Dahinter setzt ein destruktiver, zukunftsabwehrender Prozess ein: gegen eine böse Welt, gegen eine schlechte Kirche. Das Empfinden, ausgeliefert zu sein, wächst. Kreativität und Vitalität erschöpfen sich dahinter. Gegen den Prozess der Erschöpfung brauchen wir einen Prozess der Regeneration.

Der Prozess der Regeneration ist das genaue Gegenteil des Rückzugs auf sich selbst und des üblichen Abspulens vertrauter Denk- und Handlungsmuster. Der Prozess der Regeneration führt tiefer und ist grundlegender als Veränderungsprozesse, die bloß reaktiv auf Herausforderungen antworten, oder auch neue Strukturen entwickeln (Re-strukturierung oder Re-organisation), neue Prozesse gestalten (Re-designing) oder neue Konzepte entwickeln (Re-framing). Statt eines bloßen „weiter so“ oder der sich verschließenden Rückkehr ins gestern geht es um ein Handeln aus der eigenen Berufung im Licht der Gegenwart Christi. Dafür müssen neue (soziale) Formen der Anwesenheit und der Gewärtigkeit eingeübt und in den Veränderungsprozess eingepflegt werden, die zugleich untereinander verbinden und innere Quellen der Kreativität erschließen.

Eine wesentliche Ressource im Prozess der Regeneration ist die Zeit. Verlangsamung erlaubt neue Wahrnehmung. Wahrnehmung meiner Denkmuster, meiner eingeübten Verhaltensformen … und unterbricht so das reaktive Downloaden von Denk- und Handlungsschablonen. Verlangsamung geschieht durch Unterbrechung. Durch Unterbrechung des „Üblichen“. Unterbrechung in der Begegnung mit anderen und Ihre Fragen, Wahrnehmungen, durch ihr Feedback. Wir lernen miteinander neu zu sehen, neu zu denken und neu zu wollen.
Gelingt das, stellen sich kreative Momente ein, in denen neuen Möglichkeiten erspürt werden. Es sind geisterfüllte Augenblicke. Momente der Inspiration, voller schöpferischer Kraft, voller Intuition. Sie stellen sich immer in oder aus dem gemeinschaftlichen Erleben ein. Häufig vollzieht sich in diesen Augenblicken ein innerer Sprung: Ich lasse Altes und Gewohntes los. Ich wage, zunächst nur innerlich, den Sprung in einen neuen Möglichkeitsraum. Hier braucht es viel Zeit, viel Ruhe.

Aber dann, dann muss es ab gehen. Rasch ins Handeln kommen. Die Idee skizzieren. Erste Umrisse festhalten. Und ausprobieren. Ausprobieren, hinfallen, wieder aufstehen und weiter machen. Nun beginnt die Phase der Mühe. Des Prüfens. Des Entwickelns bis hin zu dem Moment der öffentlichen Performance. Sie merken: Jede Phase hat ihr eigenes Tempo. Unser quantifizierender Umgang mit der Zeit kann das gar nicht angemessen benennen. Eher können wir aus der Musik lernen: andante, adagio, plötzliches furioso. Leider akzentuieren wir oft genau umgekehrt. Wir beschleunigen, wo wir zur Ruhe kommen müssen. Wir bremsen, wenn es in die Aktion gehen muss.

Die Zukunft, von der die Bibel kündet, ist die Zukunft, die Gott uns schenkt. Im Vertrauen auf Gottes Zukunft machte sich Abraham aus Ur auf, zog das Volk Israel aus Ägypten, begab sich Jesus nach Jerusalem, brach Paulus nach Europa auf. Niemand von ihnen kannte die Geschichte, auf die er sich einließ. Trotzdem wagten sie sich auf den dünnen Boden der Verheißung. Sie wagten es im Vertrauen darauf, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Sie wagten es in dem Glauben, „dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraftgeben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein“ (Dietrich Bonhoeffer). Sie wagten es, ohne selbst die Ernte schauen zu dürfen. Sie glaubten trotzdem.

Die Kirche geht nicht unter, sie verändert sich. Bloß weil eine Gestalt von Kirche aufhört, hört nicht die Kirche auf. Die Kirche lebt aus der Gegenwart Christi – und ihrem Mut, ihr zu trauen und im Alltag nachzugehen.