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Zum Nachdenken – Teil 2: Nach der Zukunft Ausschau halten

Foto: unsplash, Blair Fraser

Die evangelische Kirche steht damit nicht nur organisatorisch, sondern auch inhaltlich vor großen Gestaltungsaufgaben. Wir werden die gesellschaftliche Entwicklung nicht stoppen oder umkehren können. Vieles wird nicht so bleiben, wie es ist. Und es wird uns als Kirche einschneidend berühren. Aber wir können, ja wir müssen, gestalten und auch verantworten, wie die Kirche von morgen aussieht – ohne dass wir wissen, wie es morgen sein wird. Und zwar heute. Der einschneidende Veränderungsprozess, in dem sich unsere Kirche seit 15 Jahren befindet, wird also andauern und uns weiter fordern.

Schaffen wir das? Denn zugleich erleben wir uns zunehmend als müde und erschöpft. Viele erleben sich als überfordert. Resignation und Widerständigkeit ziehen ein. Auch Trauerprozesse werden durchlebt. Nicht wenige leiden unter Burnout und Depression.

Auch das sind Symptome des Wandels. Denn der Wandel geht eben auch an die eigenen inneren Kräfte. Der Veränderungsprozess, in dem wir uns erleben, geht auch „an die Nieren“: Er berührt unsere Identität, unsere Integrationskraft. Er wird für uns selbst zu einer Herausforderung an unseren Glauben. Die Erschöpfung der Institution spiegelt sich in Belastung und Erschöpfung ihrer Verantwortungsträger, in ihren Personen wie in ihren Gremien.

Die Wahrnehmung und der Umgang mit dieser Erschöpfung werden zunehmend zu einer bestimmenden Aufgabe, um den Wandel überhaupt angehen und gestalten zu können. Denn wenn uns neben den äußeren auch die inneren Ressourcen verloren gehen, womit wollen wir die Zukunft dann gestalten? In der geistlichen und regenerativen Gestaltung des Veränderungsprozesses liegt eine zentrale kirchenleitende Aufgabe.

Woher also im Wandlungsprozess die nötige Kraft und Orientierung nehmen?

Nun, wir singen uns Mut zu. Und ich finde das richtig und wichtig! „Die Zukunft ist Gottes Land“, heißt es in dem bekannten Kirchenlied von Klaus Peter Hertzsch. EG 395 – nicht zufällig heute eines der meistgesungenen Kirchenlieder. Ein gottesdienstlicher Gassenhauer. Sein verheißungsvoller Grundton tut uns gut. „Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist! Weil Leben heißt sich regen, weil Leben wandern heißt.“ Ein Lied gegen Resignation und Erschöpfung. Ein Lied für eine Kirche, in der so viele die Zukunft verloren geben.

Die Kraft des Liedes liegt darin, dass es uns aus einer anderen Perspektive auf unsere Wirklichkeit schauen lässt. Aus der Perspektive Gottes und seiner verheißungsvollen Möglichkeiten. Wenn wir an den Verhältnissen auch nichts ändern können, weil wir darauf nur sehr bedingt Einfluss nehmen können. Ändern können wir etwas an unserem Standpunkt. An der Perspektive, die wir „zu den Dingen“ einnehmen. An der Brille, mit der wir auf die Wirklichkeit schauen und sie wahrnehmen.

Was ließ Martin Luther, Dietrich Bonhoeffer oder Nelson Mandela in schier aussichtslosen historischen Situationen eine Kraft und Hoffnung atmen, dass sie die Zukunft nicht verloren gaben, sondern eine neue Zukunft sahen und dem Druck der Verhältnisse widerstanden? Die Resilienzforschung lehrt uns: Leben, überleben, ist zuerst eine Frage der Haltung. Wo sehe ich meinen Platz in dem, was gerade passiert. Und: Wie ist mir an diesem Ort die Zukunft gegenwärtig. Von welchem Blick auf die Zukunft lasse ich mich bestimmen.
Von amerikanischen Präsidenten heißt es am Ende ihrer Amtszeit, sie seien „a lame duck“. Daraus kann man lernen: Wer keine Zukunft mehr hat, der hat auch heute nichts mehr zu sagen. Mit der Zukunft gehen uns auch die Möglichkeiten des „heute“ verloren. Mit Jesaja gesagt: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht.“ (Jesaja 7,9). Und manchmal kann man nur bleiben, indem man sich aufmacht. Oder umgekehrt formuliert: „Wer will, dass alles so bleibt, wie es ist, der will nicht, dass es bleibt.“
Also: wohin kämen wir, wenn mal einer ginge um zu schauen, wohin wir kämen, wenn mal einer ginge?

Weiterlesen: zu Teil 3

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