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Zum Nachdenken – Teil 2: Gemeinde frisch in Form

Wir brauchen in einer komplexen, ausdifferenzierten Gesellschaft eine Vielzahl an gemeindlichen Gestaltungsformen. De facto gibt es bereits ein breites Spektrum an alternativen gemeindlichen Formen und Gemeinden. De facto hat die klassische Ortsgemeinde viel von ihrer Bedeutung eingebüßt und wird längst ergänzt von Studentengemeinden, Personalgemeinden, Landeskirchlichen Gemeinschaften, Klöstern und andere geistliche Zentren, autarken Hauskreisen praktisch ohne Gemeindebezug, Internet-Netzwerken usw. Die hohe Zahl an Umgemeindungen ist Indikator für längst vollzogene Veränderungen. Wir müssen sehen lernen, was sich an Veränderungen im Blick auf die klassische Parochie längst getan hat!

Wie kann Kirche als Ort der Vielfalt in und neben der Parochie frisch in Form kommen? Ich möchte Ihnen drei Modelle vorstellen:

A) Multiple Gemeinschaften (für Zielgruppen) unter dem Dach einer Gemeinde

Die einfachste Form von neuen Ausdrucksformen gemeindlichen Lebens ist die Zielgruppenorientierung unter dem Dach einer vorhandenen Gemeinde, also die Ausprägung sogenannter multipler Gemeinschaften. Das also mehrere Kleingemeinden oder gemeindliche Formen nebeneinander her unter einem Dach existieren, z.B. in Form von Trauergruppen/Trauercafé, Angebot für das Milieu der Performer, Angebot für das prekäre Milieu, Homosexuelle, für Menschen nach Ende des Berufsweges, die sog. jungen Alten, also die Generation 55+, Singles, Männer, als Jugendkirche, Church for Beginners/Startgruppe z.B. nach einem Glaubenskurs, Gottesdienst von Frauen für Frauen etc.

Also: one church – multiple congregations: Unter dem Dach einer Gemeinde gibt es mehrere „Untergemeinden“. Diese führen im Rahmen der Gesamtgemeinde ein relatives Eigenleben. Sie realisieren eigenständige gemeindliche Angebote unter dem Dach einer Gemeinde für diverse Zielgruppen.

B) Gemeindeinitiativen oder Gemeinden an einem neuen Ort, also jenseits von Gemeindehaus oder Kirche

Beispiel: Gemeinde in einer Seniorenresidenz. Neben den klassischen Alters- und Pflegeheimen bieten Seniorenresidenzen 100 oder 500 Menschen in sehr unterschiedlicher persönlicher Situation eine Heimat für die letzte Phase des Lebens. Die Chance, die Menschen, die dort wohnen, in der örtlichen Kirchengemeinde zu beheimaten, ist gering. Aber man kann gemeindliches Leben in dieser Seniorenresidenz verwirklichen. Eine Gemeinde hat ihre Bibelstunde aus dem Gemeindehaus ins Seniorenzentrum verlegt, ein Team hat sich gebildet, das in diesem Haus Besuche macht, Sterbende begleitet, Menschen bei Behördengängen unterstützt. Gemeindliches Leben am neuen Ort in spezifischer Weise entsteht.

Weitere Beispiele:

  • Gemeindliches Leben in einem Hochhausgebiet oder einer schicken Neubausiedlung. Eine Familie lebt dort und startet eine Arbeit. Eine Kleingruppe/ein Hauskreis trifft sich bewusst dort und betrachtet das Umfeld als Chance und Dienst.
  • Café: In einem Café, betrieben von allen Kirchen und Freikirchen am Ort, ist Gastfreundschaft der Schlüssel zu den Menschen. Neben hochwertiger Bewirtung gibt es die Möglichkeit zu Gespräch und Seelsorge. Punktuelle Themenabende, Ausstellungen, Musikveranstaltungen setzen Akzente. Gespräche über den Glauben und das Leben werden bei einem Glaubenskurs fortgesetzt. Nach langem Anlauf wird einmal im Monat ein Gottesdienst gefeiert.
  • Initiativen in Schulen
  • Business-Kirchen, also dort, wo in Verwaltungs-, Forschungs- oder Finanzzentren tagsüber Tausende von Leuten arbeiten z.B. einen Raum der Stille mit geistlichen Impulsen anzubieten (St. Helens Bishopsgate London / Le Defense Paris)
  • Landeskirchliche Gemeinschaften
  • Für junge Erwachsene wie E/Motion in Essen
  • Gemeinde an der Half-Pipe, also am Alltagstreffpunkt junger Leute
  • Im Grenzbereich zwischen gemeindlichen Initiativen an neuen Orten und dem Netzwerkgedanken liegen Hauskreise und Kleingruppen als bewegliche experimentelle Form mit gehörigem Potential. Voraussetzung ist, dass diese aus der „Verkreisung“, dem Kreisen um sich selbst herausfinden. Und zum Kristallisationsort gemeindlichen Lebens vor Ort werden, also im Stadtteil, als Kopfstelle von Kirche, als Andockplatz, wo Kirche nicht mehr vertreten ist, als Nachbarschaftsnetzwerk, aber auch als Treffpunkt im Migrantenwohnheim oder für Menschen mit vergleichbaren Lebensinteressen, z.B. im künstlerischen Bereich oder von den beruflichen Feldern her.

C) Netzwerkgemeinden

Das Leben vollzieht sich immer weniger in gewachsenen Strukturen. Auf diesem Hintergrund werden soziale Netzwerke, die durch gemeinsame Interessen, Lebensstile oder Lebenslagen gekennzeichnet sind, immer wichtiger. Dies bedeutet auch, dass Ortsbezüge an Bedeutung verlieren. Oft stellen solche Netzwerke Verbindungen auf Zeit dar. Die meisten Menschen bewegen sich in mehreren Netzwerken nebeneinander.

Netzwerkgemeinden sind Ausdruck einer missionarischen Kirche in einem sich wandelnden sozialen Kontext. Ein Beispiel: Die Stadtmission in Berlin bietet eine sogenannte Frühschicht an, einmal pro Monat donnerstags von 7.30 – 9.00 Uhr. In Berlin wohnen viele Menschen, die dort nur teilweise leben, beruflich hoch belastet sind. Für sie braucht es etwas Spezifisches.

Wir werden unsere Gemeinden darauf einstellen müssen, dass wir mit einer jungen Generation zu tun haben, die heute hier und morgen dort arbeitet. Es gibt heutzutage viele Berufstätige, die in Phasen ihres Berufslebens permanent reisen bzw. nicht vor Ort leben. Sie sind mit der Kontinuität gemeindlicher Kreise nicht anzusprechen.

Wir brauchen sogenannte virtuelle Gemeinden. Ein Beispiel: Aus einem Jugendkreis verabschiedet sich eine ganze Truppe zur Ausbildung oder zum Studium in unterschiedlichsten Orten. Wenige finden dort eine neue geistliche Heimat. Per WhatsApp, E-Mail, Facebook, SMS etc. entsteht ein Netzwerk. Kurze Gedanken zur Bibellese werden ausgetauscht, „Freud und Leid“, und so auch Gebetsanliegen, werden geteilt. Und sporadische Treffen unter dem Dach der bisherigen Gemeinde verabredet.

Nicht zuletzt brauchen wir in einer sich ändernden Gesellschaft sogenannte Internetkirchen. Zwölf Jahre „nach“ facebook liegt das auf der Hand. Kirche als Ort der Vielfalt wird vermehrt Internetgottesdienste anbieten, also Gottesdienste, die zu beliebigen Zeiten herunterzuladen sind, Seelsorge und Beratungsmöglichkeiten in Chaträumen anbieten und nicht zuletzt sogenannten Online-Gemeinden realisieren.Wir haben als AMD vor drei Jahren SPUR8 als Internet-Glaubenskurs an den Start gebracht, mit großem Erfolg. In einem Jahr verzeichnen wir 1. 000 000 Zugriffe (www.online-glauben.de).

Ich höre schon die Einwände. Und ich habe die ja auch. Die ekklesiologische Frage lautet: Was macht die Gemeinde Jesu zur Gemeinde? Und handelt es sich um eine Gemeinde Jesu, wenn man füreinander betet, per WhatsApp sich über Bibeltexte austauscht und sich einmal monatlich trifft? Oder – frech gefragt: Handelt es sich bei der durchschnittlichen parochialen Gemeinde um eine Gemeinde Jesu im Vollsinn?

 

Es geht darum, Gemeinde noch einmal neu zu denken. Es geht um Kreativität, um Liebe zu den Menschen. Die Schwester der Liebe ist die Kreativität und ist so eine notwendige Voraussetzung aller Mission.

Vielfalt ist die Gestaltungsform einer Kirche, deren Wesen Mission und deren Kultur Kreativität ist. Die Strukturen der Kirche müssen missionstauglich sein. Häretische Strukturen behindern die Mission der Kirche.

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Das Thema „zukünftige Gemeindeformen“ begleitet Volker Roschke, langjähriger Referent der Arbeitsgemeinschaft missionarischer Dienste seit vielen Jahren. Hier erörtert er, welche Formen  Gemeinden bereits angenommen haben, welche sich in Zukunft abzeichnen und welche Chancen in diesen Formen liegen. Die Beiträge sind Auszüge aus einem Vortrag, den Volker Roschke im April 2016 bei der  Jahrestagung des Freundeskreis Missionarische Kirche in Köln-Mülheim gehalten hat.

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