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Zum Nachdenken – Teil 1: Gemeinde frisch in Form

Das Thema „zukünftige Gemeindeformen“ begleitet Volker Roschke, langjähriger Referent der Arbeitsgemeinschaft missionarischer Dienste seit vielen Jahren. Hier erörtert er, welche Formen  Gemeinden bereits angenommen haben, welche sich in Zukunft abzeichnen und welche Chancen in diesen Formen liegen. Die Beiträge sind Auszüge aus einem Vortrag, den Volker Roschke im April 2016 bei der  Jahrestagung des Freundeskreis Missionarische Kirche in Köln-Mülheim gehalten hat.

Kirche als Ort gestalteter Vielfalt

Die Vielfalt menschlichen Lebens kann einen faszinieren! Und muss einen faszinieren! Mit was für Menschen haben wir heute zu tun? Wir haben zu tun und möchten zu tun bekommen mit unseren Kirchenmitgliedern, aber natürlich auch mit den Menschen, die vielfach nicht mehr kirchlich sozialisiert sind, die „vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben“ (Wolfgang Krötke). Mit den treuen Kirchenfernen, mit Ausgetretenen, die aber fröhlich und engagiert in den Familiengottesdienst kommen. Mit Menschen, die von Jesus keinen Schimmer haben, aber die die Ohren aufstellen und deren Herzen offen sind, wenn sie engagierten Christen begegnen.

Mit Menschen, die nicht mehr nach den alten lokalen Mustern leben. Die Mobilität der meisten führt dazu, dass sie nicht da arbeiten, wo sie wohnen, und dass sie ihre Freizeit wiederum woanders verbringen, ja dass ihre wesentlichen Kontakte nicht mehr nachbarschaftlicher Art sind. Wer an einem Ort lebt, lebt darum noch lange nicht zusammen. Wichtig sind heute individuell gestaltete Netzwerke!

Deshalb gilt: Kirche als Ort der Vielfalt versucht, die Vielfalt der Lebensbezüge abzubilden. Weil die Menschen so unterschiedlich sind, entspricht ihnen eine Kirche, deren Erscheinungsbild von gestalteter Vielfalt geprägt ist. Vielfalt ist eine Wahrnehmungs- und dann eine Gestaltungsaufgabe!

Die Formensprache von Gemeinde im 21.Jahrhundert

Welche Organisationsformen, welche Ausdrucksformen sind einer Kirche im 21. Jahrhundert angemessen?

Wir sind, gerade als evangelische Kirche, stark bei den Inhalten. Wir sind die Kirche des Wortes und der Worte. Aber wir sind deutlich schwächer aufgestellt, wenn es um die Themen der Gestaltung geht. Was wir  brauchen sind Klärungen und Impulse zum Design von Gemeinde und Kirche.

Ich denke, wir tun gut daran, den Zusammenhang von Inhalt und Form der Organisation Kirche zu reflektieren. Die Grafikleute sagen das so: Design oder Nicht-Sein: das ist hier die Frage! Also: Wie gehören Gehalt und Gestalt, innen und außen, Form und Inhalt zusammen? Wie dienen sie einander oder: Wo widersprechen sie einander?

Das ist eine spannende Frage: Sind die Signale der Form, der Gestaltung nicht häufiger beredter als alle Worte? Natürlich meinen wir alle. Und legen eine Gemeindebibelstunde auf Donnerstag, 18 Uhr.

Es gibt einen gestalterischen Leitsatz der Bauhaus – Architektur: Form follows function. Die Gestalt ergibt sich aus der Funktion, ist eine Funktion des Zwecks, fördert diesen Zweck. Was bedeutet dieser Satz für das Design von Organisationen? Welche Gestaltwerdung von Kirche, welches Kirchendesign als Organisationsdesign fördert ihren Auftrag und entspricht ihrem Wesen? Predigen die Erscheinungsformen von Kirche das Zentrale ihrer Botschaft oder transportieren sie ungewollt, aber unaufhaltsam ganz andere Botschaften?

Welche Formensprache passt also zur Organisation Kirche? Entspricht die Gestaltwerdung von Kirche ihrem Auftrag, ihrem Wesen? Transportieren Formen den Geist?

Anders herum gefragt: Ergeben sich aus ekklesiologischen Grunddaten gestalterische Konsequenzen? Wo fördert Gestaltung (und zwar auf der Kultur- wie auf der Strukturebene) Auftrag und Ziel von Kirche? Wo behindern Erscheinungs- und Gestaltungsformen von Kirche ihren Auftrag und ihre Ziele, widersprechen sie ihrem Wesen?

Wir sind, zumal im missionarischen Raum, stärker engagiert und besser aufgestellt bei den Fragen der Inhalte und der Lehre. Wir glauben, immer noch, dass Gemeinde durch Predigt und Lehre entwickelt und verändert werden könnte. Ich behaupte, die sachgerechte Veränderung von Strukturen und der Kultur von Gemeinde entwickelt im Blick auf Veränderung und im Blick auf Wirksamkeit viel größere Kraft, zumal in der so genannten Postmoderne.

Es gibt nicht nur eine häretische Dogmatik oder häretische Predigten, es gibt auch häretische Strukturen, also solche Strukturen und solche Gemeindekulturen, die dem Werden des Reiches Gottes entgegenstehen. Deshalb reden wir heute über neue Gemeindeformen, weil wir in einer komplexen und ausdifferenzierten Gesellschaft eine Fülle von gemeindlichen Gestaltungsformen brauchen, die der Vielfalt der Menschen und den geänderten gesellschaftlichen Realitäten gerecht werden.

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