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Zum Nachdenken: Ohne Glauben kein Christ-sein

Ohne Glauben kein Christsein. Ohne Glauben keine Kirche. Christ-sein ist Glaubens-sache. Als Christ werde ich nicht geboren. Zum Christen werde ich durch die Taufe. Meistens weil meine Eltern es so gewünscht haben. Seltener weil ich es so gewollt habe. Durch Glauben und Bekenntnis werde ich zum Christen.

Diese kleine Lücke, dieser „Geburtsfehler“ des Christwerdens, fiel in Europa jahrhundertelang kaum ins Gewicht. Es fiel gar nicht weiter auf, dass „man“ als Christ nicht geboren wird. Kaum geboren, war man schon getauft. Es war halt so üblich. Und es verstand sich wie von selbst. Das Dorf, die Familie, Kultur und Gesellschaft verlangten es selbstverständlich so. Und so wurde man denn eigentlich doch als Christ geboren. Kaum geboren, schon getauft. Das war die Regel. Ohne Ausnahme. Aus der Kirche auszutreten? Das war ein Tabu! Es kam einem Austritt aus der „anständigen Gesellschaft“ gleich. Kirche und Glauben waren gesellschaftlich institutionalisiert. Christsein, Kirche, … das ging auch ohne Glaube, weil es sich eben so gehörte.

Das hat sich in den vergangenen hundertfünfzig Jahren einschneidend geändert. Christ wird man in Deutschland nicht mehr automatisch. Religion ist zur Glaubenssache geworden. „Man“ muss nicht mehr einer Kirche angehören. Glauben nach Vorschrift gibt es nicht mehr. Glauben gehört in den sehr persönlichen Bereich meiner Identität und Integrität. Zu den Grundgütern meiner Würde und Freiheit. Positive Religionsfreiheit in einer multireligiösen Gesellschaft bedeutet auch:

Mein Glauben gehört mir. Ich verantworte meinen Glauben. Immer öfter überlassen Eltern ihren Kindern, ob und wie sich religiös binden wollen. Die Kindertaufe wird als Familienfest zwar nach wie vor geschätzt, doch außerhalb klassischer Familienformen gerade deshalb auch immer schwieriger. In Ostdeutschland und in den ursprünglich einmal protestantischen großstädtischen Zentren wie Hamburg, Berlin oder Frankfurt bilden Christen eine schwindende gesellschaftliche Minderheit. Und auch außerhalb des überwiegend religionslosen und atheistischen Ostens Deutschlands gilt: „man“ muss nicht mehr der Kirche angehören.

In den letzten drei Jahrzehnten hat ein großer Prozess der religiösen Emanzipation stattgefunden. Das „Ich“ ist zum Subjekt seines Glaubens geworden. Der Glaube gehört nicht mehr den Kirchen. „Credo – ich glaube“, so heißt es jetzt. Und die Betonung liegt auf dem „ich“. Subjektwendung und Individualisierung, Pluralisierung und Demokratisierung des religiösen Lebens verändern den sozialen Status der Kirchen in Deutschland von grundauf.

Andererseits: Das seit dem 18. Jahrhundert immer wieder geläutete Totenglöckchen der Religion ist verstummt. Die sogenannte Säkularisierungsthese, die von dem allmählichen Verschwinden von Glauben und Religion in der naturwissenschaftlich-aufgeklärten Gesellschaft ausging, scheint historisch widerlegt. Das Interesse an Religion und Spiritualität boomt. Doch der religiöse Boom geht an den Kirchen und ihren Gemeinden vorbei.

Die Kirchen sind nicht mehr als herrschaftlich-normsetzende Institutionen des religiösen Lebens gefragt. Wohl aber als Gemeinschaften des christlichen Glaubens, die den einzelnen Menschen in der Entwicklung und Entfaltung seines Glaubens begleiten. Dabei sind die Kirchen nicht mehr allzuständig in religiösen Dingen. Sie haben Konkurrenz bekommen. Ein religiöser Markt ist entstanden. Und die Kirchen haben nicht die Marktleitung inne. Sie stellen eine Möglichkeit unter anderen dar. Die besonderen Privilegien, Macht und Nimbus, mit denen die Kirchen in Deutschland ausgestattet sind und auftreten, lassen sich deshalb immer schwerer vermitteln.

So langsam schwant es auch den Kirchen: Christen wachsen nicht an Bäumen. Glauben und kirchliche Bindung vermitteln sich kaum noch durch Tradition und Sozialisation. Früher selbstverständlich geübte Formen der „Christianisierung“ sind heute unmöglich geworden. Sie hören einfach auf. Wo sind die neuen, heute angemessenen Formen der Glaubenskommunikation, die an ihre Stelle treten?

In meiner Grundschule hing selbstverständlich ein Kreuz über der Klassentür. Hätte ich gefragt: „Warum hängt da ein Kreuz?“, hätte meine Lehrerin vielleicht geantwortet: „Warum soll da kein Kreuz hängen? Wir sind eine christliche Schule!“ Ich habe nicht gefragt. Meine Eltern haben nicht gefragt. Niemand hat gefragt. Es war selbstverständlich, dass da ein Kreuz hängt. Genauso wie im Kindergarten, im Krankenhaus oder bei der Feuerwehr. Das ändert sich. Es wird gefragt. Wer heute ein Kreuz in einem öffentlichen Raum aufhängt, wird gefragt und muss sich erklären. „Warum hängst Du hier ein Kreuz auf? Was für ein Anspruch verbindet sich damit? Wie verträgt sich das mit dem gebotenen Respekt gegenüber Anders- oder Nichtgläubigen?“ Die selbstverständliche Inbesitznahme des öffentlichen Raumes durch religiöse Symbolik wird immer weniger verstanden.

Kirche und Glauben sind der gesellschaftlichen Mehrheit eine fremde Welt geworden, der sie teils nur noch aus Gewohnheit, anerzogener Verpflichtung oder Loyalität angehören. Außerhalb kirchlicher Gemeinden und Einrichtungen verstummt der christliche Glaube. Christliche Sprache und Erzählungen, Symbole und Lebensformen werden immer weniger geübt. Langsam verschwinden sie aus dem öffentlichen Leben. Kirchlichen Überlieferungen und Bräuche, die religiöse Sprache der Kirche, haben ihre Selbst-verständlichkeit verloren. Prominenten-Quiz-Sendungen zeigen: selbst gebildeten Schlüsselpersonen der Gesellschaft ist die Grundgeschichte des christlichen Glaubens gänzlich fremd.

Die alte Sprache der Kirche kannte keinen Widerspruch. Sie verstand sich von selbst. Der öffentliche Raum war gewohnheitsmäßig von kirchlichen Bräuchen und Bildern durchsetzt. In evangelischer Tradition sicherlich anders als in katholischer. Doch bis ins 19. Jahrhundert hinein bestimmte der Landesherr Glauben und Bekenntnis seiner Untertanen, ob katholisch oder evangelisch. Es galt der Grundsatz Cuius regio eius religio. Das Toleranzedikt Friedrich Wilhelm IV. von 1847 erlaubte erstmals in deutschen Landen einen Kirchenaustritt. Staat und Kirche waren konstitutiv miteinander verwoben bis zur Weimarer Reichsverfassung. Der staatliche Paternalismus in Glaube und Bekenntnis bildete sich in gemeindlicher Pfarrherrlichkeit ab. Glaube und Kirche vermittelten sich autoritär in Stil und Grammatik einer hoheitlichen Institution. Diese alte kirchliche Sprache des Glaubens verstummt. Wir können sie nicht mehr hören. Wir wollen sie nicht mehr sprechen. Doch welche Worte treten an ihre Stelle?

Weil ihnen Kirche und Glauben selbst fremd sind, können und wollen immer weniger Mütter und Väter ihren Kindern die biblischen Glaubensgeschichten erzählen. Nichtkirchliche Kindertagesstätten erziehen die Kinder religionslos. In vielen Grundschulen fällt der Religionsunterricht aus. Wenn Religion unterrichtet wird, dann zumeist bekenntnisneutral. Außerhalb kirchlicher Mauern ist nur noch wenig vom Glauben die Rede. Die Kirchenräume selbst werden für immer mehr Menschen zu Museen einer fremden Kultur.

Wie kann sich christlicher Glaube heute lebendig kommunizieren? Das ist keine beiläufige Frage. Schon um des Evangeliums willen nicht. Wir sollen es ja weitersagen. Das ist unser christlicher Auftrag. Aber auch kirchenpolitisch, um der Zukunft der Kirchen willen, drängt sich die Frage auf, was unser Glaube ist und wie wir ihn unter den veränderten Bedingungen von heute weitergeben können.

Menschen ohne Glauben an das Evangelium brauchen die Kirche nicht. Sie werden Ersatz finden. Die Gesellschaft emanzipiert sich von der Kirche. Kirchliche Dienstleistungen und Angebote werden durch säkulare Alternativen ersetzt. Das diakonische und caritative Sozialwesen, ehemals eine wesentlich kirchliche Aufgabe in der Gesellschaft, ist in sozialwirtschaftliche Dienstleistungsunternehmen aufgegangen. Mit innovativem und kreativem Elan entwickeln sich säkulare Alternativen zu Taufe, Konfirmation, kirchlicher Trauung oder kirchlicher Beerdigung. Auf dem Weihnachtsmarkt ist die Kirche mit Posaunenchor und Krippenspiel als „eine Bude unter anderen“ herzlich willkommen. Eine Gesellschaft ohne Glauben braucht die Kirchen nicht unbedingt.

Die Kirchen haben genau soviel Zukunft, wie es ihnen gelingt, Menschen zu gewinnen, ihren Glauben zu teilen. Und zwar in einem doppelten Sinne. Die Zukunft einer Kirche hängt daran, wie weit es ihr gelingt, Menschen zu gewinnen, ihr Leben im Glauben an Jesus Christus zu gründen und ihm nachzufolgen. Dazu müssen Christen und Christinnen lernen, ihren Glauben selbstverständlich mit anderen Menschen teilen.

Das Glaubensthema verdient höchste Priorität innerhalb unserer Kirchen. Denn Kirche ist zuerst Glaubens-sache. Hier, im Glauben an das Evangelium von Jesus Christus, entscheidet sich, ob die Kirche wirklich Kirche ist und sein will.

Die Kirche besteht nicht zum Selbstzweck. Sie soll Gott und den Menschen dienen. Der Dienst der Kirche besteht darin, Menschen den Glauben, die Hoffnung und die Liebe zu vermitteln, die sie brauchen, um leben zu können. Das ist eine große und um des Menschen willen wichtige, ja lebenswichtige Aufgabe. Denn ohne diese drei göttlichen Gaben kann kein Mensch leben.

Ich lade Sie ein, lieber Leser, liebe Leserin, mit mir darüber nachzudenken, was das eigentlich heißt, „zu glauben“. Was lässt uns die Bibel und die christliche Tradition über das Glauben lernen? Was heißt christlich glauben? Aus welchen Quellen kann sich Glauben nähren? Wie können wir Glauben miteinander teilen, im Glauben wachsen und einander begleiten? Was wären zeitgemäße Ausdrucksformen, die Menschen Zugänge zum Glauben in und an Jesus Christus erschließen. Und was verlangt das von der Kirche? Worauf muss sich die Kirche einstellen, um zu einer relevanteren und strahlkräftigeren Sozialgestalt des Evangeliums zu werden?