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Zu Herausforderung #9: Kirche im öffentlichen Raum – Digitalisierung

Etwas provokant gefragt: Wenn wir es schaffen würden, eine Kirche zu werden, die nahe bei den Menschen und dabei zutiefst geistlich und glaubwürdig ist, die jungen Menschen Platz in der Kirche schafft und allen Inspirations-Räume, Gemeinschaft und Beteiligungsmöglichkeiten bietet – wer, ausser unseren aktiven Mitgliedern und Gemeindebrief-Lesern würde davon mitbekommen?

Kirche im öffentlichen Raum, das ist schon ein Fall für sich. In Deutschland haben wir ein eigentümliches, kaum zu übersetzendes Wort: Volkskirche. Googelt man es, übersetzen die ersten Treffer es als die Kirchen, denen die Mehrheit des Volkes angehört. Eine im öffentlichen Raum verbreitete Kirche. Die unmittelbar folgenden Treffer deuten jedoch eindringlich an, dass es um die Kirche des Volkes nicht rosig bestellt zu sein scheint. Volk & Kirche, das funktioniert dem Anschein nach jeweils gut für sich – das Zusammenspiel steckt in der Krise. Seit den Fünfziger Jahren leben sich beide stetig auseinander- die Zahlen der aktiven Gottesdienstbesuche und rückläufigen Mitglieder werden jährlich prominent in den Medien diskutiert. Bald ist alleine schon statistisch der Zeitpunkt erreicht, ab dem Volkskirche als Kirche im Volk buchstabiert werden muss. Von einer digitalen Relevanz ganz zu schweigen.

Mittlerweile türmen sich die Veröffentlichungen von Kirchenlenkern dazu, wie man den Wandel als Chance begreifen könnte – hin und wieder kann man dies sogar im Netz nachlesen. Vor allem aber werden Sparprogramme aufgelegt, die die bestehende Kirche verschlanken sollen für einen agileren Dienst. Eine aufgeblähte Struktur, die alles Volk erreichen möchte, aber nur noch vom halben Volk finanziert wird, gesund zu schrumpfen mag schön, gut und notwendig sein.

Doch in meinen Augen geht es um mehr, als nur den Maßstab anzupassen. Da wäre zum Einen natürlich die notwendige Beschäftigung auf allen Ebenen mit der Frage, was denn akute Anliegen und Bedarfe des Volkes sind (nicht der eigenen kirchlichen Verfasstheit und Planstellenbedarfe) und wie man darauf in Form und Inhalt antwortet. So, wie es in den anderen Herausforderungen, die während des glaubensreich-Prozess formuliert wurden, geschehen ist.

Doch darüber hinaus droht ein ganz grundsätzliches Problem: Wer in unseren Breitengraden an eine moderne Gesellschaft denkt, stellt sich dabei wohl nicht eine starke Verwurzelung der traditionellen Kirchen vor. Wahrscheinlich fällt fast niemandem die Kirche ein, wenn man sie oder ihn bitten würde, zu benennen, was sie mit einer modernen Gesellschaft verbinden. Oder in kurz: Kirchen wirken gestrig – unabhängig davon ob sie es sind oder nicht.

Die Kirche hat ein Image- und Kommunikationsproblem, das sich auch auf die Erfolge ihrer Veränderungs-Bestrebungen auswirkt. Wenn wir über eine „Kirche der Zukunft“ nachdenken, müssen wir uns zwangsläufig auch der Frage stellen, wie wir die Kontaktfläche zwischen Volk und Kirche wieder gelingend ausbauen und das bestehende Image positiv beeinflussen können.

Ein erster Schritt besteht wahrscheinlich darin, die öffentliche Wahrnehmung als ein dynamisches Geschehen und einen umkämpften Raum zu verstehen, den man aktiv mit gestalten kann – erst recht im Internetzeitalter und der damit verbundenen Demokratisierung der Medien. Wir prägen durch unser Handeln und Unterlassen Bilder/ein Image von uns und müssen den Bildern begegnen, die andere über uns haben.

Es ist eine erste Herausforderung für die Kirche, wieder zum gezielten Akteur ihrer Kommunikation werden und sich mutig auf die Menschen zu zubewegen, für die sie ihre Relevanz verloren hat. Die Wirkung der Kirche im öffentlichen Raum beeinflusst dabei jedoch nicht nur was sie sagt, tut oder anbietet, sondern auch wie sie dies unternimmt. Dabei sind es vor allem drei Felder, auf denen sich weitere Herausforderungen auftun, das Evangelium in Wort und Tat an den Menschen zu bringen:

Medial
Die Medien, die wir wählen, um uns selber darzustellen, beeinflussen die Wirkung dessen, was wir sagen wollen. Eine altbackene Broschüre und einfachste, sterile Homepages sprechen non-verbal genauso lauthals wie Twitter-Gottesdienste, Facebook-Bibelgruppen oder Gemeinde-Youtube-Kanäle. Die breite Mehrheit des öffentlichen Raums verharrt jedoch weder bei den Möglichkeiten der späten Neunziger noch bewegt sie sich im Alltag an der Spitze der Entwicklung. Hier stellt sich die Herausforderung, über die Botschaft nachzudenken, die wir über unsere Medien(nicht)auswahl senden und in welchem Jahrzehnt verhaftet wir uns somit selber darstellen. Und was wir damit tun sollen, wenn uns in den neuen Medien auf einmal zurückgeschrieben wird.

Ästhetisch
Es ist allgemein bekannt, dass unsere Wahrnehmung vor allem visuell geprägt ist und (erste) Eindrücke maßgeblich optisch entstehen. Dies stellt kirchliche Kommunikation gerade in Zeiten von einem digitalen Überangebot an Gestaltung, Bildern und Inhalten vor weitere Herausforderungen. Was unterscheidet die Homepage der Kirche von der einer Behörde? Welchen Aufforderungscharakter hat ein wenig ansprechender Schaukasten? Wie ansprechend ist ein Flyer oder Plakat mit zuviel Text in einer biederen oder kindischen Schriftart sowie ein paar Clip-Arts? Wenn wir von dem Teil der Bevölkerung wahrgenommen werden wollen, für den Kirche nicht mehr relevant ist, sollten wir auch gezielt über die optische Aussenwirkung nachdenken, da man auch für einen neuen ersten Eindruck keine zweite Chance erhält.

Kommunikativ
Ein vielbeachteter Blog-Beitrag eines Politik-Beraters warf der Kirche unlängst etwas derbe vor, an ihrer Sprache zu verrecken. Und ja, dort wo Kreissynodalbeauftrage irgendetwas nicht näher erläutert Wichtiges sind und ein „Kirchenrat“ auf einer „Synode“ der rheinischen Landeskirche den „jährlichen Bericht zur Flüchtlingsproblematik an den EU-Außengrenzen“ vorlegt, ist man schon zu etwas geworden, was in der Öffentlichkeitsarbeit als ein „erklärungsbedürftiges Produkt“ bezeichnet wird.

Ich persönlich denke gerne über Kirche nach und schwärme von den Chancen und Potentialen, die sie vielerorts mit sich bringt. Im Gespräch mit Menschen außerhalb der Kirchen stelle ich jedoch leider viel zu oft fest, dass die Vermittlungsarbeit schon vor den eigentlichen Inhalten und Gegebenheiten beginnt, bzw. auch an deren Ende stehen muss. Kirche im öffentlichen Raum, das ist schon ein Fall für sich. Kirche im öffentlichen Raum, das ist schon ein Fall für uns. Alle.

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