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Zu Herausforderung #2: Kirche nahe bei den Menschen

Neulich habe ich einen Freund aus Katalonien getroffen. Über Weihnachten war er in der Heimat und hat mir etwas von dort mitgebracht: Einen Caganer. Das ist eine traditionelle Krippenfigur, die mit heruntergelassenen Hosen da sitzt und sich gerade erleichtert. In jeder katalanischen Krippe findet sich diese Figur, stets aber so, dass sie nicht im Blickfeld von Jesus ist. Diskretion muss sein. Es gibt verschiedene Deutungen dieser jahrhundertealten Figur. Eine besagt, dass damit all jene in die Krippenszene aufgenommen werden sollen, die gerade durch wichtiger erscheinende Dinge abgelenkt sind.

Wie viele dieser Menschen begegnen mir in meinem Leben, die Wichtigeres zu tun haben, als sich mit der Kirche und mit Glaubensfragen auseinanderzusetzen? Der Caganer zeigt, dass es unsere Aufgabe ist, auch diese in die Krippenszene mit reinzunehmen. Auch für sie ist das Evangelium. Allerdings ist es unsere Aufgabe, ihnen zu zeigen, dass es – bei allem, was in ihrem Leben drängt – tatsächlich auch für sie gedacht und wichtig ist.

Ich finde es toll, dass in unseren Kirchen viele Menschen auftauchen, dass unsere Krippe toll ausgestattet wird mit vielen Gesichtern und Kreisen, mit Leuten, die Anliegen haben und mögen, was wir machen.

Trotzdem gibt es inzwischen in jedem Gemeindebezirk (zumindest in jedem, von dem ich weiß) mehr Caganers als andere Rollen. Nun kann man bedauern, dass die Menschen nicht kommen. Dass sie meinen, andere Dinge sind wichtiger. Dass sie einfach keine Lust haben, sich in unser Bild einzupassen. Man könnte aber auch anfangen, die Szene so umzubauen, dass sie sich selbstverständlich gerne dazugesellen.

Wie müsste eine Gemeinde aussehen, in der die Menschen Lust haben, auch eine Rolle zu übernehmen? Das wissen doch die Leute selber am besten, denn sie wissen, was drängt. Sicher, beim Caganer in Katalonien ist nicht zu leugnen, was drängt, aber bei den Menschen an den Rändern oder außerhalb unserer Kirche ist das nicht so eindeutig.

Sich zu den Menschen aufzumachen ist aber nicht immer einfach. Das liegt daran, dass wir als Menschen nun mal auf bestimmte Menschen gepolt sind. Da muss man sich nur im eigenen Freundeskreis umgucken: Mit wem umgeben wir uns gerne, weil wir uns mit den Menschen verstehen? Und wer fehlt? Wessen Sprache sprechen wir? Ich glaube, dass es, um Kirche bei den Menschen zu sein, mehr Ehrlichkeit bedarf.

Kein Schlagersänger würde auf die Idee kommen, einfach mal auf Oper umzustellen. Es würde ihm schlicht keiner abnehmen. Und Opernsänger, die anfangen zu rappen, wirken wohl auch eher unbeholfen. Ähnliches gilt für die Kirche:

Wenn ich nichts mit Leuten zwischen 25 und 35 zu tun habe, weil ich ihre Sprache nicht spreche, weil ich einfach nur aus meiner eigenen Vorstellung zu wissen meine, wie diese Menschen ticken – dann wird es sehr schwierig, an ihre Lebenswelt anzuknüpfen. Andersherum ist das noch eindeutiger, wer würde denn den Jugendkreis damit beauftragen, einen Seniorenausflug zu organisieren? Es kann doch nur so gehen, dass man die Leute, die man ansprechen möchte, mit ins Boot holt.

Und hier wird es schwierig, weil viele sogenannte „Zielgruppen“ bei uns in der Kirche nicht mehr vertreten sind. Wir haben kaum noch Menschen, die für uns übersetzen. Doch anstatt diese Aporie anzugehen, starren viele wie das Kaninchen auf die Schlange und äußern Wünsche.

Wünsche sind wichtig, weil daraus Visionen entstehen können. Das ist aber nur die eine Seite. Die Kirche muss kreativer werden, um Menschen aus der „Zielgruppe“ machen zu lassen. Sie muss Freiräume geben, so lange es noch Leute gibt, die diese füllen. Sie muss Mut beweisen so wie jeder, der in eine deutschen Krippe einen Caganer aufnimmt. Und Kirche muss kämpfen. Für die neuen Dinge, für die Freiräume gegen Ängste und Klischees. Hier beginnt sie, die Kirche bei den Leuten.