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Zu Herausforderung #1: Experimentelle Kirche wagen

Vor kurzem haben wir neun Herausforderungen formuliert, mit denen wir uns heute im kirchlichen Kontext konfrontiert sehen. Eine davon ist „Experimentelle Kirche wagen“. Was könnte man darunter verstehen? Becci John, Pfarrerin der Ev. Kirche im Rheinland, zur Zeit in der Jugendkirche Düsseldorf, formuliert das so:

Experimentelle Kirche hat viel Klarheit. Nicht unbedingt klare Antworten, aber viel Klarheit bezüglich ihrer Fragen, auf die sie keine Antwort weiß.

Experimentelle Kirche hat viel Raum. Nicht unbedingt viele Gebäude, aber viel Raum zum Ausprobieren, Scheitern, Neuanfangen. Denn experimentelle Kirche ahnt, dass sie einigen wichtigen Antworten nur durch Experimente näher kommt. Und dass Scheitern nicht nur dort geschieht, wo Neues ausprobiert wird. Sondern auch da, wo wenig riskiert wird und alles bleibt wie immer.

Experimentelle Kirche hat die Fähigkeit etwas zu lassen, was schon lange getan wurde, sich aber aktuell nicht mehr bewährt. Vor allem aber hat experimentelle Kirche die Fähigkeit zu zulassen. Sie lässt zu, dass Neues entsteht – auf Wegen, die sie bisher nicht kennt und deren Ergebnis sie nicht absehen und kontrollieren kann.

Schon rein sprachlich betrachtet erzählt das Wort „Experiment“ von einer (Such)Bewegung und das kleine „Ex“ am Anfang zeigt dabei an, wohin die Reise geht: „Hinaus“/ „Heraus“! Experimentelles ist also gut befreundet mit dem Exodus – mit dem sich immer wieder Herauswagen Richtung Neuland. Selten fröhlich motiviert von Neugierde, sondern meist verbunden mit einem Berg von Sorgen, Ängsten, Widerständen. Irgendwie werden in biblischen Texten Menschen immer dann Richtung Neuland herausgerufen, wenn sie so gar nicht mehr dynamisch, mobil, flexibel, neugierig sind, wenn sie nicht mehr vor Aufbrüchen, sondern vor Abbrüchen stehen und weniger mobil und flexibel werden …

Die Evangelische Kirche im Rheinland musste in der letzten Zeit so einige finanzielle Ab- und Einbrüche verkraften. Und mit dem anstehenden 500. Reformationsjubiläum muss die Ev. Kirche – wie jeder vor einem runden Geburtstag! – auch deutlicher wahrnehmen, wo sie im Laufe der Jahre weniger mobil und flexibel geworden ist. Die aktuelle Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung reibt der Kirche ihr Älterwerden förmlich unter die Nase, wenn sie feststellt, dass „die Gruppe der jungen Erwachsenen […] als diejenige ausgemacht [wird], welche im Generationenvergleich in Deutschland (und im weiteren Westeuropa) am wenigstens integriert in die christlichen Kirchen ist.“ (so die V. KMU 2014, S. 60f.).

s gibt viele Untersuchungen dazu, warum das so ist. Aber für die Antwort auf die Frage wie das zu ändern ist, braucht es vor allem Mut zum Experiment, weil keiner so richtig die Antwort darauf weiß. Dazu braucht es Mutige, die Antworten nicht diskutieren, sondern ausprobieren. Und es wird dazu vermutlich auch die Gruppe junger Erwachsener selber brauchen.

Experimentelle Kirche zeichnet sich dadurch aus, dass Leitungspersonen weniger Antwortgebende als Türöffnende sind. Sie eröffnen für die Antwortsuche denjenigen Experimentierräume, die den Fragen selbst nahe sind. Doch Experimentieren will gelernt sein. Und auch Scheitern braucht Kompetenzen, wenn das nicht nur in Frust enden soll. So zeichnet sich experimentelle Kirche auch dadurch aus, dass sie in der Aus- und Fortbildung Haupt- und Ehrenamtlicher zum Experimentieren und auch für die Begleitung von Experimentierphasen befähigt. Nicht nur das Erlernen von dem, was man „in der Kirche“ können muss steht allein im Fokus, sondern auch die Art und Weise neu zu denken und Neues zu initiieren ist bewusst Ziel von Ausbildungsprozessen kirchlicher Berufe in experimenteller Kirche!

Ich warte nicht auf den Exodus der Kirche als Institution, die aus all ihren Regelungen, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten auszieht und Neuland betritt. Vielleicht bin ich dafür zu kleingläubig. Aber ich glaube immerhin ganz großgläubig doll an die Möglichkeit einer experimentellen Kirchen, in der die Gruppe, die in Kirche aktuell wenig Raum einnehmen, Freiraum haben eigene Ausdrucksformen zu entwickeln, statt selbst ausziehen zu müssen und sich quasi „para-kirchlich“ zu organisieren, wie wir im Rheinland auch so einige Beispiele kennen. Bisher sind junge, kreative, motivierte Menschen schon das eine oder andere Mal aus der Ev. Kirche ausgezogen und haben daneben z.B. in Form eines Vereins organisiert neue Gemeindeformen gegründet. Nicht in Abwendung von der Kirche, sondern in Ermangelung eines (Gestaltungs-)Raumes innerhalb der Kirche.

Experimentelle Kirche macht sich für mich darum ganz wesentlich an dem Raum fest, den sie für Experimente lässt. Und weniger an einem konkreten Bild.
Eine Kirche in der die Entscheidungstragenden Raum zum Experimentieren gewähren, gerade an den Stellen, wo sie selbst nicht weiter weiß und gerade für die Menschen und Milieus, mit denen sie aktuell kaum – aber immerhin noch! – in Kontakt ist, wird sich verändern. Wie ist dabei tendenziell offen. Das Ergebnis muss nicht immer bunt, muss nicht immer jung, muss nicht immer hipster, muss nicht immer postmodern sein. Es könnte z.B. eine Gemeinde entstehen, deren Gottesdienste sich durch Schlagermusik auszeichnen, wo in den Bänken geschunkelt wird und die Gemeindeleitung sich zur Sitzung am Grill im Schrebergarten trifft. Es kann aber auch ganz gezielt der Kirchraum zum Ort des Experiments werden. Z.B. für ein Kreativlabor in dem Jugendliche, die nur schwer stillsitzen und zuhören können, sich in Form von Experimenten aktiv mit Glaubens- und Lebensfragen auseinandersetzen.

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