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Tipp: Abstimmungen, mit denen alle zufrieden sind

Schon einmal von der Abstimmungs-Methode „systemisches Konsensieren“ gehört? Diese Methode verdient es, bekannt und verbreitet zu werden. Deshalb hier ein paar Zeilen dazu – und etwas Material.

Systemisches Konsensieren ist eine wunderbare Alternative zu unserer klassischen Abstimmungsmethode, der Mehrheitsentscheidung. Bei einer Mehrheitsentscheidung werden die Stimmen gezählt, die einen Vorschlag befürworten. Je nach Verfahren (einfache, relative, absolute Mehrheit) kommt man dann zu einem Ergebnis. Doch dieses Ergebnis ist – in sehr vielen Fällen! – gerade nicht das beste. Denn ein Mehrheitsentscheid berücksichtigt nicht, wie zufrieden die Leute mit der Entscheidung sind, ob die Entscheidung auch nach längerer Zeit noch tragfähig ist und welches Konfliktpotenzial in ihr liegt. Oft, sehr oft, kommt es dann im Laufe der Zeit zu einer schleichenden Sabotage des Beschlusses – nicht aus Böswilligkeit, sondern weil der Konsens gar kein echter Konsens war.

Wie wäre es stattdessen mit Entscheidungen, mit denen alle zufrieden sind!?
Das geht doch gar nicht!
Doch, geht.

Und deshalb finde ich es so wichtig, die Methode „Systemisches Konsensieren“ zu verbreiten. Gerade im kirchlichen Kontext, in dem man ja sehr auf „einvernehmliche Entscheidungen“ bedacht ist, ist dies eine echte Alternative zur Mehrheitsentscheidung.

Entwickelt haben die Methode Erich Visotschnig und Siegfried Schrotta. Die Idee ist schlicht – und genial. Beim systemischen Konsensieren sind zwei Dinge anders als beim klassischen Abstimmen: Es wird der Widerstand jeder einzelnen Alternative erhoben, und dieser wird in seiner Intensität gemessen. Das systemische Konsensieren misst also das Konfliktpotenzial. Und damit sieht und würdigt es die Bedürfnisse der Einzelnen.

Mehrheitsentscheidung: Zustimmung zählen — die Alternative mit der größten Zustimmung ist die Lösung

Systemisches Konsensieren: Widerstand messen — die Alternative mit dem geringsten Widerstand ist die Lösung

konsensieren_tabelle

Jeder Beteiligte nennt für jede einzelne Lösung, wie hoch sein Widerstand ist, dazu wählt er eine Zahl zwischen „0“ (keinerlei Widerstand) und „10“ (maximaler Widerstand). Dies wird notiert, dann werden pro Alternative alle Widerstände zum Gesamtwiderstand zusammengezählt. Die Variante mit dem geringsten Gesamtwiderstand ist (wahrscheinlich) die Lösung. Hier im Bild einmal die Widerstandsstimmern von 14 Leuten, die über 7 Alternativen (A bis G) abgestimmt haben.

Jetzt gibt es zwei besondere Fälle:

Bei der Alternative mit dem geringsten Gesamtwiderstand sind einige wenige hohe Einzel-Widerstände dabei (dies ist der Fall im Bild, siehe die blau eingekreiste 7 in der Spalte G). Diese Leute werden nun gefragt: „Was fehlt dir? Was brauchst du noch, damit du mit der Entscheidung leben kannst?“ Meist – und das ist das Erstaunliche! – sind das unspektakuläre und einfache Dinge. Beim klassischen Mehrheitsentscheid spielen diese Bedürfnisse keine Rolle. Stattdessen wird oft signalsiert, jetzt aber bitteschön mal kein „schlechter Verlierer“ zu sein!

Der andere Fall: Es gibt eine Lösung, deren Widerstand niedriger ist als alle anderen, die aber trotzdem viele einzelne Widerstandswerte im mittleren Bereich hat (oder höher). Dann ist diese Alternative zwar die beste Lösung, aber keine gute. Besser ist es, noch einmal neu über das Probelm nachzudenken.

Für einen Presbyteriums-Workshop hatte ich dazu zwei Probeabstimmungen als Rollenspiel vorbereitet. Das Handout dazu ist kurz und kompakt und kann hier als PDF heruntergeladen und genutzt werden. Empfehlenswert ist die Seite www.sk-prinzip.eu der Entwickler des Systemischen Konsensierens. Besonders gut haben mir die Tipps und Materialien auf www.systemisches-konsensieren-berlin.de gefallen!

Entdeckt habe ich diese Methode übrigens in Vivian Dittmars „Kleiner Gefühlskunde für Eltern“. In dem Abschnitt „Verbindende Lösungen in Gruppen: Es geht!“ (S. 186-189) beschreibt sie, wie sie systemisches Konsensieren mit ihren Kindern anwendet.

Ich mag mich täuschen, aber ich glaube, dass diese Methode im kirchlichen Kontext bisher völlig unbekannt ist. Das würde ich gerne ändern. Bedürfnisse in den Blick zu nehmen und anzuerkennen, Konfliktpotenzial sichtbar zu machen (und nicht wie oft bei Mehrheitsentscheiden durch geschickte Abstimmungsformulierungen „wegzudrücken“) und tragfähige Lösungen zu suchen ist letztlich nichts Geringes als Versöhnungsarbeit.

Und ich bin sehr an Erfahrungen in Presbyterien und auf Synoden (!?) interessiert! Ich kann auch gerne für einen Workshop vorbeikommen …

Dieser Beitrag ist eine leicht gekürzte Fassung des Artikels „zufrieden entschieden“ auf dem Blog von Martin Horstmann.

3 Kommentare

  1. Dorle Schmidt sagt

    So ganz kann ich mich persönlich nicht für die Methode erwärmen. Sie ist bestimmt pragmatisch. Was mich stört ist, dass man sich dabei ganz darauf konzentrieren muss, das Schlimmste zu verhindern. Man wünscht sich doch eine gute Lösung. Dass die beste Lösung die ist, die am wenigsten schlecht ist – klingt logisch, aber kann man sich damit wohlfühlen?

    • Ich muss zugeben, dass ich das auch im ersten Moment gedacht… Aber umso länger ich mich mit dieser Methode beschäftige, desto besser finde ich sie. Und gerade dann, wenn man eine „gute Lösung“ will, ist sie sinnvoll. Denn das Entscheidende bei einer Entscheidung ist doch, dass das, worauf man sich geeignet hat, auch wirklich umgesetzt wird! Und in einem Kontext, wo es keine „Chef-Entscheidungen“ gibt, sondern die Lösung von allen mitgetragen werden soll, muss ich irgendwie mit den (möglichen) Widerständen umgehen – denn diese Widerstände sind ja real, sie auszublenden wäre doch naiv. Die klassische Mehrheitsentscheidung macht aber genau das: die Widerstände ausblenden. Wenn die Widerstände sichtbar werden, kann man mit ihnen umgehen, darum geht es. Deshalb muss auch nicht die „am wenigsten schlimmste“ Alternative genommen werden, sondern die, bei der man am besten die Widerstände „bearbeiten“ kann.

  2. Hallo Martin,
    danke fürs Verlinken auf unsere Webseite und fürs Verbreiten des SK, dein Artikel gefällt mir 🙂
    Liebe Grüße,
    Markus

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