Blog

Theorie U wie Umweg

gemeindelaboratorium_therorie-u_17-März-2016

An einem Donnerstag Abend im März haben Martin Horstmann von der Melanchton-Akademie und Christoph Nötzel eine überschaubare Anzahl von Gästen zum „Gemeindelaboratorium“ ins motoki-Wohnzimmer eingeladen. In meiner Rolle als Gastgeber durfte ich an dem Abend teilnehmen und einiges lernen.

Natürlich galt es zunächst, allerlei Grundlagen zu Otto Scharner und seiner sogenannten „Therorie U“ kennenzulernen und in den Grundgedanken zu erfassen. Auch wenn es für mich spannend war zu beobachten, wie die einzelne Gäste (vornehmlich kirchlich beschäftigt) darauf reagierten, so stellte ich mir schnell die Frage, was für mich den Reiz an dieser Therorie ausmacht und was sie für mich und das motoki-Kollektiv bedeutet.

Als erstes freut es mich, dass es keine „Therorie I“ ist. Meine Lebenswelt ist komplex und mir ist es sympathisch, wenn zwischen Problem und Lösung keine Gerade gezogen wird (das I), sondern sich jemand die Mühe macht, einen Umweg zu gehen, um das Problem zu verstehen und auch um einen angemessenen Ansatz zu finden. Lobenswert bei der Theorie U ist, dass von der Herausforderung (oder dem Problem) eben nicht die Lösung direkt gesucht wird, sondern es wird abgebogen in eine reflektierende Haltung: 1. Innehalten, 2. Umdenken, 3. Loslassen. Am Scheitelpunkt dieses Umweges trifft die eigene Unfähigkeit und Begrenztheit auf die (göttlichen) Möglichkeit. Von da an gilt es dann, die hier gemachte Erkenntnis und erlebte Inspiration mit Blick auf die ursprüngliche Herausforderung gewinnbringend und konstruktiv einzubringen.

Ich frage mich, wie es funktionieren kann, als geistliche Gemeinschaft nicht nur eine Gruppe von inspirierten Menschen zu sein, sondern auch gemeinsam solche bewusste Momente intentionaler Stille und Inspiration am Rande des Loslassens zu erleben. Wie können wir bei Besprechungen und Gruppen-Entscheidungen solche Momenete einweben? An dem Abend war ich etwas erschrocken, dass offensichtlich die Selbstwahrnehmung herrscht, die Theorie U würde schliesslich seit Jahrhunderten in der Kirche gelebt, quasi als Kernkompetenz. Dabei kann ich mir gar nicht vorstellen, wie das tatsächlich gemeinsam praktiziert wird. Sicher, im persönlichen Leben, in einer stillen Stunde am Morgen oder in einem Kloster mag das mal funktionieren. Aber als Gruppe, quasi als Teil der Gruppendynamik? Schwer vorzustellen. Gestaltete Mitten, Gebete zum Beginn, kleine Andacht vorab – das scheint mir nicht das zu sein, was die Menschen in den  anfangs beschrieben Haltungs-Umweg der Theorie U führt: Innehalten, Umdenken, Loslassen – mit einem sehr präsenten Verständnis meiner Unfähigkeit und Begrenztheit.

Mir scheint, dass es einer konkreten Form bedarf, um diese Momente in einen Gruppenprozess einzubinden. Können gemeinsame Momente der Stille funktionieren? Als erste Reaktion auf die Themen, die bei einem Treffen besprochen werden sollen? Oder muss die Gruppe konkreter geführt werden? Leider war an dem Abend des Gemeindelaboratoriums nicht mehr genug Zeit, um auf solche praktischen Details einzugehen. Die Theorie U ist in der kirchlichen Praxis offensichtlich Neuland. Ich für meinen Teil bin motiviert, mit diesem erweiterten Blick den intentionalen Umweg fröhlich auszuprobieren. Hoffentlich auch im Kollektiv auch als Gruppe …

– – –

Die ursprüngliche Einladung der Melanchton-Akademie:

Wie funktioniert Kirche im 21. Jahrhundert? Vieles was gestern gut und richtig war, führt heute nicht mehr weiter. Dabei geht es um mehr als guten Willen oder eine modische Idee. Wir suchen passende Theorien, neue Konzepte,  gutes Handwerkzeug.  Darüber  diskutieren  wir  im  „Gemeindelaboratorium“, in einem überschaubaren Kreis mit geladenen Gästen.
An unserem ersten Abend geht es um die „Theorie U“, einem Konzept für Prozessentwicklung und Changemanagement, das von Otto Scharmer  entwickelt  wurde.  Die  „Theorie U“  stammt  aus  der  Wirtschaftswissenschaft, hat aber erstaunliche theologische Dimensionen. Wir beschäftigen uns an dem Abend mit der Frage, welches Potenzial sie für  Gemeinde und Kirche bereithält. Für weitere Hintergründe googeln Sie: Gemeindeberatung + „Theorie U“.

1 Kommentare

  1. Schade, dass ich erst auf diesem Weg von der Veranstaltung erfahren habe. Ich glaube, dass Scharmers Theorie U ein großes Potential für die anstehenden Veränderungsprozesse in Kirchen und Gemeinden hat, da er versucht, die oft geistlosen Organisationsentwicklungsprozesse wieder mit dem Geist, der uns bewegt, zu verzahnen und die Systeme mit ihrer Energie verbindet und ins Handeln führt. Seit ich seine Theorie U vor 3 Jahren kennengelernt habe, ist sie für mich Inspirationsquelle und Leitfaden für persönliche und kollektive Innovationssprozesse in der Gemeindeberatung und bei Seminaren. Ich bin sehr an einem Austausch mit anderen „Experimentierenden“ interessiert: maubach@zeitfenster-aachen.de

Kommentare sind geschlossen.