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Theorie U und glaubensreich

gemeindelaboratorium_therorie-u_17-März-2016

Glaubensreich fragt nach der Zukunft der Kirche in geistlicher Hinsicht. Es geht darum, ausgehend von der Gewärtigung der eigenen Berufung im Licht der Gegenwart Gottes Herausforderungen wahrzunehmen und Ideen zu generieren, die dann in Projekten konkretisiert und schließlich in der gesellschaftlich-kirchlichen Landschaft implementiert werden. Glaubensreich bietet für diesen Prozess eine organisierte Plattform, die den Teilnehmern die Freiheit gibt, ihre Berufung und ihre Ideen zu entfalten .

Für die Gestaltung des kirchlichen Veränderungsprozesses hat sich die Theorie U von C. Otto Scharmer als hilfreich erwiesen. Scharmer will Veränderungsprozesse nicht nur material, sondern geistlich gestalten. Die Theorie U bietet eine so stimmige theoretische Grundlegung und Rahmung für den glaubensreich-Prozess, dass es möglich ist, sich daran auch methodisch zu orientieren.

In der Tradition des MIT, an dem Scharmer lehrt, finden in der Theorie U Ansätze und Erkenntnisse aus der Systemtheorie, der Organisationsentwicklung (Peter Senge), der Prozessberatung (Ed Schein), der Psychologie (Humanistische Psychologie) aber auch aus der Philosophie (Phänomenologie), der Spiritualität (kontemplative Praxis, Meditation) und Transpersonalen Philosophie (Ken Wilber) zusammen. Der Ansatz verhält sich religiös neutral, weist aber explizit Bezüge zu Christentum und Buddhismus auf. Es besteht eine überraschende Kongruenz zu Ansätzen der Prozesstheologie wie auch einer eschatologischen Theologie. Das entspricht dem grundlegenden Anspruch, einen Beitrag zu leisten, den Gegensatz von „Geist und Materie“ als Grundproblem unserer Epoche zu überwinden.

Theorie U von C. Otto Scharmer ist eine soziale Technik für transformative Veränderung, die es Akteuren, die Veränderung wollen, ermöglichen soll, tiefere Felder der gemeinsamen Wahrnehmung, der gemeinsamen Willensbildung, der gemeinsamen Gegenwärtigung und des gemeinsamen Experimentierens zu erschließen. Scharmer sucht nach einem methodischen Ansatz, der es erlaubt, aus dem emergenten Entstehen der Zukunft heraus zu denken und zu handeln – und nicht aus der quasi automatischen Wirksamkeit von in der Vergangenheit erworbenen Urteilen . Denn wirklicher Wandel geschehe von der Quelldimension des sozialen Werdens her .

Der zentrale Ort der Veränderung ist dabei das Selbst des handelnden Akteurs – ob als Individuum oder als Organisation. „Wir stehen immer öfter vor der leeren Leinwand, die von uns verlangt, dass wir uns selbst anschauen, auf unsere gemeinsamen Verhaltensmuster blicken und neu erfinden, wer wir sind und wohin wir als Institution, als Individuum oder als Gemeinschaft gehen wollen.“ Es ist geistlich die Frage nach der essentiellen eigenen Berufung. In der Wahrnehmung der eigenen Berufung liegt die bewegende Kraft, die innerste Motivation aller Veränderungsprozesse. Der Kontakt zur eigenen Berufung verlangt die Verbindung mit der Quelle des eigenen Selbst, der immer wieder neu gesucht werden muss. Aus dieser Begegnung des „gewordenen Ich“ mit seiner geistlichen Berufung im Angesehen und Angerufen-Sein durch Gott erwächst der Prozess der Erneuerung.

Der Prozess der Regeneration ist das genaue Gegenteil zu dem üblichen Abspulen vertrauter Denk- und Handlungsmuster. Er führt tiefer und ist grundlegender als Veränderungsprozesse, die bloß auf Herausforderungen antworten (Re-aktion), oder auch neue Strukturen entwickeln (Re-strukturierung), neue Prozesse gestalten (Re-designing) oder neue Konzepte entwickeln (Re-framing). Statt eines bloßen „weiter so“ oder der sich verschließenden Rückkehr ins Gestern geht es um ein Handeln aus der eigenen Berufung im Licht der Gegenwart Gottes. Dafür müssen neue (soziale) Formen der An-wesenheit und der Gewärtigkeit eingeübt und in den Veränderungsprozess eingepflegt werden, die zugleich untereinander verbinden und innere Quellen der Kreativität erschließen. Dabei verändert sich zugleich das soziale Feld: eine veränderte Qualität des Denkens, Sprechens und gemeinsamen Handelns tritt hervor. Eine neue soziale Dynamik entsteht.

Das ist es, was ich mir für den glaubensreich-Prozess erhoffe: Ein Prozess, der nach einer zukunfts- und verheißungsorientierte Erneuerung der Kirche aus den inneren Quellen ihrer Berufung strebt.

1 Kommentare

  1. Sehr schön beschrieben von Christoph Nötzel. Ich kann das nur aus der eigenen Beratungsarbeit (Gemeindeberatung im Bistum Aachen) bestätigen. Viele Gemeinden sehnen sich danach, aus dem immer schneller drehenden Hamsterrad der strukturellen Anpassungsprozesse aussteigen zu können. Dazu bietet Scharmers Theorie U einen wunderbaren Rahmen, sie ermutigt, nicht wieder zu kurz zu greifen, den Lösungshorizont zu erweitern, Zukunft gemeinsam zu lernen und die Energie für Innovationen an den Quellen unseres individuellen und gemeinsamen Engagements zu schöpfen. Aber man muss einen langen Atem mitbringen, sie ist nichts für schnelle Lösungen. Aber die sind ja oft die Probleme von Morgen.

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