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Lassen Sie uns doch einmal über den heiligen Geist reden!

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Im Hinblick auf Pfingsten denkt Dr. Frank Vogelsang, Leiter der Evangelische Akademie im Rheinland (Bonn) über den Heiligen Geist nach. Wieso tun wir uns heute eigentlich so schwer darüber zu sprechen? Und inwieweit ist das symptomatisch für unseren Wunsch, die Kontrolle zu behalten? Hier seine Gedanken:

Über den heiligen Geist –  was gibt es darüber zu sagen? Der heilige Geist erfreut sich bei uns, in den europäischen mainstream Kirchen nicht gerade allzu großer Beliebtheit. Nun haben wenige etwas gegen die Vorstellung, Gott sei irgendwie auch Geist. Der heilige Geist wird als eine traditionelle Sprache über Gott akzeptiert. Aber er wird nicht gemocht, man kann in der Regel wenig mit ihm anfangen, er gehört zu dem traditionellen Gedankengut, das irgendwie zum Christsein dazu gehört.

Das kommt nicht von ungefähr. Wann schon in unserem Alltag beziehen wir uns auf den heiligen Geist? Die beiden anderen Personen der Trinität sind da schon verständlicher: Gott, der Vater, hat Himmel und Erde geschaffen, er hat die materielle Welt geschaffen. Gott können wir uns nicht direkt vorstellen. Aber die Welt ist ja durch ihn entstanden, wir können zumindest sehen, was er geschaffen hat. Zu diesem Weltschöpfer beten wir, er ist uns ein Gegenüber. Mit Jesus, dem Messias, können wir noch am ehesten etwas anfangen. Jesus ist so etwas wie unser Bruder, ein Mensch wie Du und ich, aber eben zugleich auch irgendwie Gott. Sein Leben war hart, aber konsequent, einer, der keine Kompromisse eingeht, der für das einsteht, was er glaubt.

Doch der heilige Geist? Hier gehen uns modernen Menschen, die gewohnt sind, die Welt mit naturwissenschaftlichen Mitteln zu sehen, die Bilder aus. Weder ist er selbst, wie Jesus, noch sind seine Spuren, wie die materielle Welt bei Gott, zu greifen. Der heilige Geist wird als etwas beschrieben, das dem Wind gleicht, der weht wie er will. Doch genau so wenig wie der Wind, ist der heilige Geist konkret zu greifen. So wenig wie wir Bilder von dem Wind haben, so haben wir Bilder vom heiligen Geist.

Das zeigt sich auch beim Vergleich der großen Festtage. Weihnachten ist unbestritten, die Nummer eins: das Kind in der Krippe. Das Bild haben, so vermute ich, noch die meisten vor Augen, wenn sie an Weihnachten denken. Für Karfreitag steht das Kreuz, ein bedrückendes Bild, das auf den Tod Jesu weist, deshalb offenkundig außerhalb und innerhalb der Gemeinde immer weniger populär, aber es bietet doch Anlass zu konkreten Vorstellungen. Ostern ist da schon schwieriger zu bebildern: Der Auferstandene? Es gibt wenige Bilder von der Auferstehung und das hat auch gute theologische Gründe. Aber schnell finden sich andere Bilder, die die Lücke füllen: Osterei und Osterhase … Und dann Pfingsten. Da wird es erst richtig schwierig. Wie viele Zeitgenossen kommen heute noch auf die Idee, eine Taube mit dem heiligen Geist zu verbinden? Oder die feurigen Zungen auf den Häuptern der Jünger?

Wir brauchen Bilder, wenn wir uns etwas aneignen wollen. Wir brauchen Symbole, wenn es schon keine direkten Bilder gibt. Das war schon immer so. Aber vielleicht sind unsere Schwierigkeiten mit dem heiligen Geist in einer besonderen Hinsicht sehr modern. Denn in unserer Zeit von Wissenschaft und Technik wissen wir es ganz gerne, womit wir es zu tun haben. Der heilige Geist ist so wenig zu greifen wie der Wind. Wir modernen Menschen mögen uns aber nicht gerne auf etwas einlassen, was wir so wenig greifen können. Wir haben es ganz gerne ordentlich. Wir möchten den Überblick behalten und die Dinge erkennen und am besten gestalten können.

Der heilige Geist aber steht für die unverfügbare Präsenz Gottes. Er steht dafür, dass wir von Energien erfasst werden können, über die wir keine Kontrolle haben. Viele von uns reagieren ein wenig befremdet gegenüber ekstatischen und pfingstlerischen Gottesdiensten, denn nur allzu offenkundig findet da immer wieder ein Kontrollverlust statt. Man kann davon begeistert sein, man muss das aber auch nicht mögen.

Doch können wir den Umgang mit dem heiligen Geist nicht nur als eine Frage der Konvention abtun. In der Rede vom heiligen Geist kommt unabhängig vom Frömmigkeitsstil etwas sehr wichtiges zum Ausdruck: Wenn Gott uns nah kommt, haben wir über das Geschehen keine Kontrolle mehr, einerlei ob in einem ekstatischen Gottesdienst, bei einem Bach-Choral, einem Rockkonzert oder in einer eindringlichen Predigt.

Zugleich ist der heilige Geist der, der die rechten Worte gibt, die wir sprechen können. Der Kontrollverlust führt also nicht zu einer Reduzierung unserer Möglichkeiten. Ganz sicher ist der heilige Geist nicht irrational in dem Sinne, dass wir dann weniger als rational sind. Wir sind eher noch mehr als rational, wir gewinnen Einsichten, zu denen auch viele kluge Worte und all unsere wissenschaftlichen Weltbilder nicht führen.

Darüber hinaus gilt: Wir moderne Menschen aber wahren gerne Distanz. Im Gottesdienst sitzen wir selten in der ersten Reihe, die ersten Reihen bleiben meist frei. Wir erleben uns eher in der Rolle eines Weltbeobachters: Mit etwas Skepsis, mit viel Überblick und Wissen betrachten wir, was um uns herum geschieht. Wir erleben uns als selbstbestimmt, ja viele Zeitgenossen wünschen selbstbestimmt zu sein bis in den Tod. Jedoch sind wir das nicht, wir sind nicht so selbstbeherrscht, rational, kontrolliert, wie wir es gerne von uns selbst glauben. Wir sind tatsächlich viel abhängiger, von anderen Menschen, von uneinsehbaren Vorgaben unseres Lebens und vor allem von Gott.

Schon gar nicht sind wir selbstbestimmt und autonom, wenn wir es mit Gott zu tun haben. Wir können, wenn wir es ernstlich mit Gott zu tun haben, keine kritische Distanz aufrechterhalten. Wir sind dann nicht mehr die Kontrollinstanz, die alles ergreifen, begreifen möchte. Vielmehr werden wir, sind wir ergriffen. Die Reformatoren haben diesen Gedanken aus der Frage nach der Gerechtigkeit abgeleitet. Wir können uns selbst nicht gerecht sprechen. Ebenso wenig können wir uns selbst gestalten und vollständig kontrollieren.

Gott als heiligen Geist zu feiern, heißt deshalb zugleich, bescheidener werden. „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“ (Joh 3,8) Vielleicht ist ja Pfingsten dann eine gute Zeit, sich daran zu erinnern, wann wir das letzte Mal so richtig begeistert waren!

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