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Hilfe, unsere Jüngste wird 50! – Kirche nach der Midlife-Krise

Foto: unsplash, Jeff Sheldon

Der Altersdurchschnitt der evangelischen Pfarrerschaft steigt. In der Rheinischen Landeskirche sind 75 von 100 Pfarrern und Pfarrerinnen 50 Jahre oder älter. Gut die Hälfte der Pfarrerschaft ist zwischen 50 und 60 Jahren alt.

Es ist der sogenannte „Theologenberg“ der 80er Jahre, der nunmehr in die sogenannten „reifen Jahre“ gelangt ist. Miteinander teilen sie gemeinsame Lebensthemen: die Kinder haben das Haus verlassen. Die physischen Kräfte lassen nach. Die Midlife-Crisis liegt hinter ihnen. Sie merken – und bestätigen sich darin: „Wir sind halt nicht mehr 30.“ … und versuchen, sich damit abzufinden. Der Esprit der jungen Jahre ist verbraucht. Adorno und Ernst Bloch verstauben neben den lila Kirchentagsschal. Lebenserfahrung ersetzt junge friedensbewegte Ideen. Man hört sich selbst Sätze aussprechen, gegen die man in früheren Jahren rebellierte: „Das bringt doch nichts. Das haben wir doch schon x-mal versucht. Da könnte ja jeder kommen.“ Die Bereitschaft nochmal etwas Neues anzufangen, hat nachgelassen. Man hat sich mit dem Möglichen arrangiert und ist bemüht, im Gegebenen berufliche und persönliche Zufriedenheit zu finden. Die Bereitschaft noch einmal etwas neu zu lernen, gar etwas neu zu beginnen, die Kraft noch einmal einen neuen Anlauf zu nehmen, hat nachgelassen. Altersmüdigkeit zieht ein. Missionarischer Elan wird altersweise als naiv belächelt. „Man“ ist jetzt in den reifen Jahren. Und das nicht nur vereinzelt, sondern kollektiv.

Miteinander sind wir vor 30 Jahren aufgebrochen. Damals wollten wir die Welt verändern. Teils miteinander, teils gegeneinander haben wir uns etabliert. Jedenfalls haben wir uns aneinander gewöhnt. Nun treten wir ab. Häufig nach dreißig und mehr Jahren in derselben Pfarrstelle. Das Ende ist in Sicht. Immer häufiger erwischt man sich bei dem Gedanken, die verbleibenden Amtsjahre zu zählen. „Na, die letzten Berufsjahre werde ich auch noch schaffen. Was nach mir kommt, damit mögen sich dann andere herum plagen.“ Ich will diese Gedanken nicht kollektiv und einem jeden unterstellen. Aber sie werden sicherlich eher in den späten als in den frühen Berufsjahren gedacht. Der Kontakt zu Jugendlichen schwindet. Die Bereitschaft mit Kindern durch die Kirche zu krabbeln, wird geringer. Der biographische Bezug zu den Lebensthemen der jungen Generation entfällt. Spätestens mit dem Erwerb des ersten Seniorenpasses spürt man: Die eigenen Lebensthemen sind andere. Man hört andere Musik, liest andere Bücher, bewegt sich in einer anderen kulturellen Welt. Man ist, fast unmerklich, in die Generation der jungen Alten hinein gewachsen.

Wenn drei Viertel der Pfarrerschaft – und in manchen Kirchenkreisen sind es sogar 90 % – den 50. Geburtstag hinter sich gelassen hat, dann hat das Konsequenzen für die Kirche, die in einem hohen Maße durch ihre Pfarrerschaft geprägt ist, für ihre Vitalität, für ihre Themen, für ihre Gesprächsfähigkeit und darüber auch für ihre Zukunftsfähigkeit. Gründerinitiative wird rar. Abschiedlichkeit trübt die Stimmung ein. An die Stelle jugendlichen Elans tritt altväterliche (und –mütterliche) Reife. Man spürt es an der Bereitschaft, neue Ideen und Impulse aufzugreifen, an der Dynamik und dem Gesprächsstil von Pfarrkonventen, an der abnehmenden Fortbildungsbereitschaft von Pfarrerinnen und Pfarrern … . Und die Dynamik dieser Entwicklung schreitet fort: in absehbarer Zeit tritt der Pfarrerberg in relativ kurzer Zeit in den Ruhestand. Mancher Kirchenkreis – und es sind in besonderer Weise die großstädtischen Kirchenkreise wie in der Ruhrregion oder in Köln – verabschiedet innerhalb von zehn Jahren 80 % seiner Pfarrerschaft, ohne dass in hinreichender Zahl junge Pfarrerinnen und Pfarrer bereit stehen, um in die Vakanzen einzutreten. Müssen wir uns also darauf einstellen, dass wir als Kirche in den kommenden Jahren mentalitätsmäßig die Phasen des Ruhestandes durchleben werden?

Mancher mag sich hier provoziert fühlen. Gut so. Die Provokation ist beabsichtigt, um eine selbstkritische Wahrnehmung im Blick auf eigene Altersmüdigkeit und -Resignation zu befördern … und da, wo das der Fall ist, möglichen Ärger und die die darin liegende Energie nicht in empörte Abwehr, sondern in ein realistisches und konstruktives Gegensteuern zu investieren. Persönlich wie kirchlich. Persönlich, indem ich mein eigenes altersbestimmtes Verhalten ehrlich ausleuchte, meine Möglichkeiten und Grenzen realistisch wahrnehme und jungen Mitchristen bewusst Gestaltungsspielräume neben mir eröffne. Kirchlich, indem jungen Menschen besondere Gestaltungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten eingeräumt werden wie z.B. in Jugendkirchen.

Dem Alterstrend kann nur entgegen gewirkt werden, indem jungen Menschen – auch außerhalb des Pfarrdienstes – Gestaltungsspielräume innerhalb der Kirche eröffnet werden. Die Einstellung junger Menschen in gemeindepädagogischen Arbeitsfeldern muss strukturell gefördert werden. Kirchliche Gremien müssen nicht nur auf ihre gendergerechte, sondern auch auf ihre altersgerechte Besetzung achten. Theologiestudierende sollten schon während ihrer Ausbildung ihre Ideen und Projekte in der Praxis ausprobieren können. Wir können es uns als Kirche nicht leisten, dass hoch motivierte 20 – 30jährige ein Jahrzehnt ihrer Lebenszeit im Elfenbeinturm akademischer Sprachspiele verbringen, dort einen Gutteil ihres ursprünglichen Elans einbüßen, um dann mit Anfang 30 praxisentwöhnt in die überalterte Sonderwelt der Gemeinden entlassen zu werden. Eine Kirche, die um ihrer Zukunft willen nach Aufbruch verlangt, bedarf der Berufungen, der Ideen und des Elans junger Menschen schon heute. Vorrangige Aufgabe der Hochschulen ist es, die Kreativität, die Gründerinitiative und den Mut zu einer experimentellen Kirche, den viele junge Menschen zu Beginn ihrer kirchlichen Ausbildung oder ihres Studiums mitbringen, fördernd zur Entfaltung zu bringen und nicht unter den Sprachspielen und Gepflogenheiten der Alten zu domestizieren. Manche freie Hochschule macht uns vor, was das für die Gestaltung der Studiengänge heißt.
Unsere Kirche braucht junge Menschen. Sie braucht sie gegen ihren eigenen Trend zur Überalterung. Sie braucht sie um ihrer Zukunft willen – und die beginnt heute. Glaubensreich hat neun Herausforderungen für eine Kirche formuliert, die zukunftsfähig sein will. An erster Stelle steht der Satz: „Experimentelle Kirche wagen! Uns fordert die Beharrlichkeit des Systems heraus. Die„Immer-schons. Wir wünschen uns mehr Gründerinitiative. Mehr „Start-up“ Communities. Mehr Initiative zum Experimentieren, zum Ausprobieren von neuen Formen – Scheitern inklusive und erwünscht. Dazu gehört der Mut, Dinge auch sein zu lassen und zu beenden – ebenso wie der Mut, mit etwas einfach mal neu anzufangen.“

Die meisten Klicks auf Facebook fand die Herausforderung „Jungen Menschen Platz in der Kirche schaffen: Wo ist Platz für junge Menschen in der Kirche? Wo sind junge Menschen überhaupt in der Kirche erwünscht? Und: was hat man als junger Mensch davon, in der Kirche dabei zu sein?“ Also? Worauf warten wir noch?

3 Kommentare

  1. Dirk Puder sagt

    Ich stimme der Aussage im Großen und ganzen zu. Allerdings sehe ich eine gesamtgesellschaftliche innovationskritische „Altersmüdigkeit“, die sich in der Pfarrschaft nur spiegelt. Politisch zeigt sich diese Tendenz in den hohen Zustimmungsraten zur Merkelpolitik. Vielleicht ist dies ein unabänderliche Folge der demographischen Entwicklung.

  2. Uli H. sagt

    „Wir können uns nicht leisten, dass hochmotivierte 20-30jährige…“
    eine durchaus korrekte Auffassung – die aber etwas hinkt, da es ja viel zu wenig hochmotivierte unter den 20-30jährigen gibt. VIele Kirchkreise bringen keinen einzigen Theologiestudenten hervor… Sicher auch, weil diese Auffassung noch vor 10 Jahren so nicht galt und Scharen von hochmotivierten jungen Theologinnen und Theologen nicht in den Pfarrdienst kamen. Viele Studienkollegen meines Mannes (42, Gemeindepfarrer) sind bestenfalls in die Schweiz abgewandert oder gleich in die Wirtschaft. Keiner von denen wird noch zurückkommen und der Überalterung entgegentreten.
    Wo aber fast einer ganzen Generation quasi die Türen vor der Nase zugeschlagen wurden ist es schwer, die nachfolgende wieder für diesen Beruf zu gewinnen – zu berufen eben…

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