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#1 Herausforderung und Engagement: Tobias John Klug

Foto: privat

Drei Fragen an Tobias John Klug. Er ist Dozent an der Ev. Fachhochschule RWL in Bochum. In seiner Promotion beschäftigt er sich aktuell mit der Frage nach den Zukunftsperspektiven evangelischer Jugendarbeit. 

Welche Herausforderung spüren Sie aktuell in Ihrem Engagement?

Wie gelingt es eigentlich, dass man das Recht gewinnt, gehört zu werden? Und wo sind Orte und Räume, wo genau das geschieht? Und mit welcher Botschaft wollen wir eigentlich gehört werden – was ist uns wichtig und wert zu kommunizieren? Diese Fragen beschäftigen mich schon seit einer Weile und immer wieder neu. Elf Jahre in der Praxis der evangelischen Jugendarbeit und auch jetzt, in einer anderen Rolle als Dozent in der Ausbildung von Studierenden der Gemeindepädagogik und Diakonie.

Die Lebensphase Jugend ist vor dem Hintergrund der Pluralisierung und Individualisierung von Lebensstilen in einer zunehmend komplexer werdenden Gesellschaft durch heterogene Lebenslagen und nicht linear verlaufende Biografien charakterisiert, wobei die Chancenverteilung zunehmend ungleicher wird. Junge Menschen sind heute mit enorm vielen Herausforderungen konfrontiert, zu denen sie selbst ein Verhältnis entwicklen müssen. Sie werden zu scheinbar autonomen Gestaltenden ihrer eigenen Biografie und sind dadurch für ein mögliches Scheitern auch selbst verantwortlich. Die Rahmenbedingungen, in denen sich dieser Prozess abspielt, bleiben meist jedoch ausser Acht.

Wie gelingt es achtsam zu sein für das, was einen jungen Menschen umgibt und genau in diese Situation hinein Evangelium mit ihm „durchzubuchstabieren“? Was ist überhaupt für einen jungen Menschen, der gerade seinen Schulabschluss gemacht hat und sich fragt, wie es für ihn weiter geht, eine „gute Botschaft“? Und entfaltet das Evangelium nur seine Kraft mit Blick auf Einzelne oder können wir die Kraft der Botschaft, die wir haben, auch insgesamt bergen, für die Strukturen und Systeme, die unseren Alltag umgeben und prägen?

Welche Ansätze und Ideen verfolgen Sie zur Zeit?

Ich glaube, dass wir eine andere Art der Kommunikation brauchen, als ich sie selbst oft noch im kirchlichen Kontext erlebe. Kommunikation des Evangeliums ist für mich prinzipiell dialogisch und weiß nicht schon, was der andere braucht, was ihm hilft oder gut für ihn ist, ohne ihm zuvor zugehört – mit ihm ein Stück Leben geteilt zu haben. Es geht um Austausch, es geht um’s Lernen von einander. In diesem Prozess ereignet sich Evangelium. Darauf vertraue ich und darum versuche ich mich selbst in dieser Haltung einzuüben und andere dabei mitlernen zu lassen. Denn für mich ist diese Haltung notwendig für die Begleitung junger Menschen. Sie nimmt die angedeutete Grundkomplexität des Aufwachsens ernst und bewahrt einen selbst vor der Anmaßung, den Plan vom richtigen Leben in der Tasche zu haben. Es ist wichtig, sich mit seiner Welt und den Bezügen, in denen man lebt, auseinander zusetzten. Der Himmel steht und die Erde dreht und das in einer enormen Geschwindigkeit.

Welche Wünsche und Visionen haben Sie für die Zukunft der Kirche?

Kirche, ereignet sich da, wo die Menschen sind. Nur was bedeutet das? Ich wünsche mir, dass eine dialogische Haltung mehr und mehr Raum gewinnt in unserer Kirche. Ich wünsche mir eine Kirche, die eine Beziehung hat zu gesellschaftlichen Wirklichkeiten und aufschreit an den Stellen, wo sich Ungerechtigkeit breit macht, Menschen ausgegrenzt werden und ökonomische Maßstäbe die Einzigartigkeit des Lebens missachtet.

Ich wünsche mir eine Kirche, die ein Ort ist, an dem die Zerbrechlichkeit unserer Existenz einen Schutzraum findet, man gemeinsam trauern und lachen kann – in einer Gemeinschaft aufgehoben ist. Ich wünsche mir Orte, an denen die Gesinnung Christi lebendig und erlebbar ist. Ich wünsche mir Mut einander zuzuhören, einen Raum, um Leben zu teilen und glaube, dass es in Zukunft neue, ergänzende Ausdrucksformen von Kirche geben wird, damit genau dies geschehen kann.

6 Kommentare

  1. Elisabeth Meyer zu Rheda sagt

    Für mich ist Kirche ein Ort, an dem wir in Gemeinschaft mit Jesus nicht nur lachen und weinen, sondern auch tun – anpacken, wo es nottut. Besonders Jugendliche wollen im Tun erfahren, aber nicht nur sie. Ich wünsche mir eine Kirche, die hinschaut auf die Zerbrechlichkeit der Existenz – ganz konkret! Die Welt gibt keine Orientierung. Die Kirche kann Jugendlichen einen Experimentierraum geben, im eigenen Herzen nach der ganz persönlicheni Botschaft Jesu zu suchen. Z.B. Was bedeutet „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Ist die Person, die mein Tshirt genäht hat oder die meine Schuhe gefärbt hat oder die die Rohstoffe für mein Handy aus dem Boden gegraben hat mein Nächster? Ruft da jemand in mir „Kehr um!“ ? Wenn ja, wovon kann ich mich abkehren und wohin soll ich mich wenden? Heißt es nicht „Ihr seid zur Freiheit berufen!“ ? Was macht mich frei?Konsumzwang? Bin ich da befreiungsbedüftig? Macht es mich frei, macht es mein Leben reicher, wenn ich mein Leben von überflüssigem Konsum entrümple? Kann Kirche ein Experimentierraum für Jugendliche sein, ihren Lebensstil mit der Botschaft Jesu zu konfrontieren und Umkehr konkret zu erproben? Ich wünsche den Jugendlichen eine Kirche als Gemeinschaft, in der sie sich den Bedrohungen in einer maßlosen Welt stellen können, sich gegenseitig ermutigen und auf eine Welt hoffen können, in der auch noch ihre Kinder eine Chance haben, menschenwürdig und ohne gewaltsame Verteilungskämpfe groß zu werden. Kirche als Raum, in der gemeinsam Gottes Liebe zu den Menschen mit der aktiven und ganz konkreten Suche nach einem ganz persönlichen verantwortlichen Lebensstil beantwortet wird, so könnte Glauben lebendig werden.

    • Tobias John Klug sagt

      DANKE für die wertvollen Fragen und Ergänzungen!
      JA – Glaube hat auch was mit Aktion zu tun – mit sich bewegen lassen und bewegen.
      Und JA – wir müssen uns die Frage neu stellen:
      Wer ist mein Nächster in einer globalisierten Welt? Und was bedeutet das für mich/ uns konkret in unserem Leben, unseren Alltag.
      Es gibt hier vieles neu/ wieder zu entdecken und zu wagen…!

  2. Martin Kaminski sagt

    Ich nehme mal Bezug auf diesen Satz des von mir sehr geschätzten Autors:
    „Die Lebensphase Jugend ist vor dem Hintergrund der Pluralisierung und Individualisierung von Lebensstilen in einer zunehmend komplexer werdenden Gesellschaft durch heterogene Lebenslagen und nicht linear verlaufende Biografien charakterisiert, wobei die Chancenverteilung zunehmend ungleicher wird.“

    Stichwort Chancenverteilung … – unsere Kirche beschäftigt sich zurecht mit den Gebildeten und ihrer Not in der „individuell-pluralisierten“ Gesellschaft.
    In Bremen, Sachsen-Anhalt und Berlin lag die Jugendarbeitslosigkeit im Juli 2015 bei über 10%. In den Berufskollegs stehen nicht gesellschaftskompatible junge Leute auf dem Abstellgleis. Manche von ihnen sind tatsächlich nicht gerade unkompliziert und schwer in den Ausbildungsmarkt zu integrieren. Ihre Biografien verlaufen linear in eine homogene Perspektivlosigkeit. Das ist übrigens nichts neues … auch die Kirche hofft, dass diese Geschöpfe durch ausreichend Berieselung nicht zum Problem werden. Aber diese Hoffnung ist unbegründet.
    Stimmt schon … – 2013/2014 besuchten fast die Hälfte aller Schüler/innen auf weiterführenden Schulen in Deutschland ein Gymnasium. Das ist ein erstaunlicher Wert. Ich wünschte nur, unsere Kirche würde sich handfest dafür einsetzen, auch die andere Hälfte im Blick zu behalten!
    Natürlich ist der von mir zu Beginn zitierte Satz des Autors nicht für junge Leute gedacht, sondern ein wertvoller Beitrag auf wissenschaftlichem Niveau.
    Mir kam dennoch die Frage, wie wir eine gehaltvolle Sprache sprechen können, die trotzdem für möglichst viele verständlich ist, ohne banal zu sein. Dies sage ich als Mensch, der seinen Realschulabschluß 1984 machte und ohne Abitur in dieser Kirche als Referent arbeiten darf … – kirchliche Biografien wie die meine, wird es aber schon bald nicht mehr geben.

  3. Tobias John Klug sagt

    Ich stimme zu: JA, es dürfen diejenigen nicht aus dem Blick geraten, deren Biografien eine „homogene Perspektivlosigkeit“ aufweisen. Doch was meint das und wie soll das gehen?
    Selbstverständlich geht es um Angebote im Rahmen unserer Kirche (und auch anderswo) und JA, dann geht es auch um unsere Sprache, Bilder, Musik – insgesamt um Stil und Lebensweltbezug.
    Es geht aber auch um den Rahmen, in dem sich das Ganze abspielt:
    Jugendliche müssen sich bewähren. Aufwachsen in einer Konkurrenzgesellschaft wie der hiesigen bedeutet, dass es logischer Weise Gewinner und Verlierer geben muss. Konkurrenz erzeugt genau so wie ein Hundertmeterlauf Gewinner und Verlierer. Das ist der Sinn des zugrunde liegenden Wettbewerbs. Hier liegt eine weitere „Stellschraube“: Was haben wir als Kirche diesem Prinzip erfahrbar entgegen zu setzen?
    Das „Zurechtkommenmüssen“ mit der Konkurrenz ist nämlich der Nährboden für einen folgenreichen psychologischen Wandel, den viele Menschen vollziehen. Der Konkurrenzerfolg wird gleich gesetzt mit dem Erfolg der Person bzw. mit dem Wert der Person. Über den Vergleich mit anderen und dem daraus folgenden Resultat sehen viele Menschen den Wert der eigenen Persönlichkeit bestimmt. Und genau das haben junge Menschen oftmals schon so verinnerlicht und an ihrer Umwelt entdeckt – auch wenn sie selbst die Welt der Konkurrenz mit all ihren Stufen noch nicht durchlaufen haben. So geraten Fragen der Anerkennung und des Selbstwertes ins Zentrum des Denkens und Handelns von Jugendlichen, wobei Lebensfragen und Fragen nach dem eigenen Wert der Person im Kern unbewältigt bleiben, sich anstauen.
    Auf Grund dieser oft unsichtbaren verinnerlichten Denkmuster wird das Feld der Konkurrenz ergänzt um Felder in denen man den Leistungsvergleich für sich entscheiden kann.
    Einige Beispiele: Sportlichkeit, Coolness, Anzahl der Sexualkontakte, das eigene Vorstrafenregister, die Trinkfestigkeit, die Platzierung beim angesagten online-Game, die Anzahl der Freunde bei Facebook, die Frechheiten und Dreistigkeiten dem Lehrpersonal gegenüber, die Muskelmasse, das Aussehen insgesamt, der Besitz des mobilen elektronisches Equipment usw. usw.
    Wir alle sind Kinder unserer Zeit und in dieser Gesellschaft aufgewachsen. Angebote für Jugendliche finden nicht in einem luftleeren Raum statt. Eine große Herausforderung besteht darin, dass junge Menschen in den Begegnungen, Gruppen und Veranstaltungen etwas von der Wertschätzung Gottes erleben, die vorbehaltlos ist, frei von jeglicher Konkurrenz ist und jedem gilt.
    Ein Indikator für Wertschätzung ist für mich ganz praktisch die Frage nach der Möglichkeit der Partizipation. In wie weit haben Menschen die Möglichkeit unsere Gemeinden und die Kirche mitzugestalten – sich Räume zu erobern? Losgelöst von der Idee der Rekrutierung von Jugendlichen für eine Erwachsenenorganisation. Wertschätzung und Vertrauen gehören zusammen.

  4. Martin Kaminski sagt

    Ich finde nicht, dass es selbstverständlich um „Angebote“ und „zu erobernde Räume“ geht. Ich finde auch nicht, dass wir denjenigen auf dem Abstellgleis gerecht werden, wenn wir ihre Konkurrenz-Klischees aufzählen (die wenigsten von ihnen tummeln sich übrigens auf facebook). Es gibt nicht nur die goldkettchentragenden „Sich-Bewährer“. Es gibt vor allem auch diejenigen, die eben nicht mehr auffallen wollen, weil sie sonst eine aufs Maul kriegen und in den aufgezählten Kategorien nicht den Hauch einer Chance haben, mitzuhalten.
    Diese werden sich weder Räume erobern, noch Angebote wahrnehmen.
    Es ist die Frage, ob wir mit ihnen LEBEN wollen. „Aber Gott hat Dich so lieb, wie Du bist“ ist für Menschen keine glaubhafte Aussage, die täglich erfahren, dass sie so wie sind weder erwünscht, noch akzeptiert sind.
    Die einzige glaubehafte Aussage wäre „ICH, der/die Typ von der Kirche (ob Pastorin, Erzieher oder KFZ-Mechatronikerin), ICH habe Dich lieb und meine das ernst.“
    Unsere Erwachsenenangebote haben ja noch nicht mal für meisten Erwachsenen eine Bedeutung. Jugendzentren erreichen einen verschwindend kleinen Teil junger Leute, noch weniger erreichen unsere gemeindlichen Gruppenangebote. Auf Freizeiten und in der Ehrenamtlichkeit tummeln sich Gymnasiasten – und wir sind heilfroh darüber, denn Menschen ohne Perspektive können sehr anstrengend und sogar gewalttätig sein.
    Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich habe es in vielen Jahren der Jugendarbeit auch zu selten geschafft, die zu erreichen, die ich gerne erreicht hätte.
    Aber wird dürfen nicht aufhören, es zu versuchen. Und wir dürfen dabei nicht so kompliziert und „sozialpädagogisch“ sein. Die Milieudebatte hat m.E. nicht etwa dazu beigetragen, dass wir unseren Horizont erweitern. Nach meinem Gefühl eher dazu, sich auf das Kerngeschäft protestantischen Bildungsbürgertums zu beschränken.
    Ich wünschte, es gäbe mehr Hauptamtliche an Berufskollegs (dort gibt es – wenn überhaupt – meistens Theologen), an Haupt- Real- und Gesamtschulen. Gemeindliche Jugendarbeit ist ein Auslaufmodell. Wir müssen wieder in die Welt ziehen und dort von Liebe reden!

    • Tobias John Klug sagt

      Da sind sie wieder die Fragen:
      Wie gelingt es eigentlich, dass man das Recht gewinnt, gehört zu werden?
      Und wo sind Orte und Räume, wo genau das geschieht?
      Und mit welcher Botschaft wollen wir eigentlich gehört werden – was ist uns wichtig und wert zu kommunizieren?
      Ich bin dankbar für die ergänzenden Hinweise und Einsprüche – wertvoll!
      Ich merke, dass es hier keine einfachen Antworten gibt. Vermutlich ist zumindest die Reflexion von zwei Dingen wesentlich für alle Suchen nach Antworten: a) Was glaube ich (Was ist Evangelium für mich & wer/wie ist Gott?) UND b) Wie äussert sich dass als Nachfolger Jesu Christi?
      Eine wichtige Spur für mich ist die Fragen nach dem „Leben teilen wollen“.
      So und bevor diese öffentliche Seite hier zu eine „2-Mann-Diskussionsplattform“ wird, ist dies mein letzter Post dazu – weitere Anregungen, Widersprüche und Ideen verfolge ich aber gerne im Stillen (-:

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