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glaubensreich – ein Zwischenfazit

Foto: unsplash, Christine Coley

Eine wichtige Phase des glaubensreich-Wegs liegt jetzt hinter uns. Am 11. Juni hat das 6. Netzwerktreffen von glaubensreich statt gefunden. Nun gehen wir auf den Tag der Inspiration zu. Ein guter Moment einmal festzuhalten, was wir schon unterwegs gelernt haben – besonders im  Blick auf neue Sozialformen des Glaubens.

Alles muss klein beginnen
Aufbrüche beginnen nicht mit Geld. Nicht fertige Bäume werden gepflanzt. Am Anfang muss der Boden bereitet und gesät werden. Es ist ein Samenkornweg. Ein Weg, der ganz klein und unscheinbar beginnt. Mit einzelnen Menschen. Im Hinhören auf den Ruf Gottes. Mit der Wahrnehmung der eigenen Berufung. Mit einer Aufgabe, die Menschen als ihre persönliche Aufgabe entdecken. Mit einem brennenden Herzen. Der neue Weg beginnt, wo Menschen sagen: „Ich kann nicht anders. Will ich mich nicht selbst verraten und aufgeben, dann muss ich diesen Traum leben. Zumindest muss ich es versuchen.“

Aufbrüche beginnen mit einzelnen Menschen, die sich ihres Herzensanliegens bewusst werden. Ihrer Berufung. Dessen, wofür ihr Herz schlägt. Und die diesem Anliegen folgen. Neue Wege des Glaubens beginnen mit Menschen, die sich im Lichte des Reiches Gottes in die Nachfolge begeben.

Raus gehen – und wahrnehmen
Dass Menschen ihre Augen und Ohren aufmachen und raus gehen, darin liegt der zweite Schritt. Bevor ich säe, gilt es das Feld abzuschreiten. Feldbegehung. Menschen nehmen andere Menschen wahr. Sie werden aufmerksam für das, was um sie her geschieht. Sie gucken hin und schauen genau. Was geschieht hier – in meinem Stadtteil, an meinem Arbeitsplatz, in meinem Lebensumfeld, in unserer Welt .

Sie lassen sich auf einen Standortwechsel ein und nehmen die Welt mit den Augen der Menschen wahr, für die sie sich interessieren. Ohne ein solches Interesse an den Menschen geht nichts. Gar nichts. Aber darin liegt eine ungewohnte Aufgabe: Mit den Augen der anderen die Welt wahrzunehmen. Wie ticken sie? Was bewegt sie? Was fehlt ihnen? Welche Relevanz könnte meine Berufung für ihr Leben haben?

Nicht von sich her, sondern von den Menschen her zu denken, ist der nötige Schritt des „geistigen Herausgehens“ aus oft eingefahrenen Mustern kirchlicher Existenz. Es geht darum, sich herausfordern zu lassen von der konkreten Wirklichkeit. Nicht von sich selber her, sondern von den Menschen her zu denken. Dafür muss ich mich aufmachen und raus gehen. Hin zu den Menschen. Zuhören. Hinschauen. Nicht bei mir selbst bleiben, sondern mich auf neue Begegnungen einlassen. Es gibt keine Nachfolge ohne einen solchen Aufbruch und dem Verlassen gewohnter Perspektiven.

Die Reibungen, die Widersprüche, die dabei wahrgenommen werden und die zunächst unbequem sind, tragen in sich ein großes kreatives Potential. Auf einmal werden ganz andere Möglichkeiten sichtbar, als die bisher gedachten und gelebten. Der Traum wird konkret. Er erdet. Er landet in der Wirklichkeit. An einem bestimmten Ort.

Es geht nur gemeinsam
Um ihre Berufung zu leben, brauchen Christen Mit-Christen, die ihre Berufung teilen. Menschen, die bereit sind, sich mit ihnen in das neue Land aufzumachen. Wenigstens einen zweiten Menschen, mit dem sie sich auf den Weg machen können, um ihre Berufung umzusetzen und zu leben. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg – mit einer noch undeutlichen, aber sie beide begeisternden Idee.

Der nächste Schritt ist der erste kleine Schritt, die Idee in die Tat umzusetzen. Es beginnt ganz klein. Kontakt finden zu den Menschen, für die ich mich interessiere. Ein neuer Gottesdienst. Ein Sofa auf der Straße. Ein Gesprächskreis. Die Berufung nimmt Gestalt an. Deutlich wird, was ich will und was ich nicht will. Was geht und was nicht geht. Eine Idee wächst und reift. Unterwegs. Im Gespräch. Im Handeln. In der Umsetzung.

Eine Gemeinschaft entsteht – um eine Aktion
Wenn das gelingt, dann zeigen einige wenige, bisher fremde Menschen Interesse. Sie kommen und schauen. Sie lassen sich einladen. Sie nehmen teil – mit mehr oder weniger Distanz. Zumindest einmal. Beim zweiten Mal sind einige von ihnen bereit, mit zu machen. Bereit, selbst eine kleine Aufgabe zu übernehmen. Hier und da anzupacken. Mitmachen verbindet und stiftet Mitverantwortung. Es entwickelt sich eine kleine Gemeinschaft. Neue Menschen bringen ihre Gedanken und Ideen ein. Und sie entdecken: das, was hier passiert, ist etwas, das mir gut tut. Vielleicht etwas, was ich selbst schon länger gesucht habe. Ideen wachsen durch Beteiligung!

Kontakt und Beziehung, die Entwicklung von Gemeinschaft ist der Boden auf dem nun auch geistliche Wege miteinander gegangen werden können. Der Boden, in den das Evangelium gesät werden kann. In eigener Sprache, in eigenen Formen. So, wie es passt, so wie es gehört und miteinander geteilt werden kann. Das Evangelium wird konkret.

Netzwerken
Ein Anfang ist gemacht. Ein Projekt ist entstanden. Damit es nicht von äußeren Widerständen erstickt wird, braucht es Rückhalt und Unterstützung. Kirchlich und gesellschaftlich. Ein Netzwerk von Partnern und Sympathisanten, die stützen und unterstützen. Damit das Vorhaben gelingt, bedarf es des Engagements in zwei Richtungen: in die Umsetzung vor Ort, in die Entwicklung lokaler Gemeinschaft – und in die Vernetzung mit externen Partnern, damit das Projekt getragen wird und soziale Akzeptanz findet.

Eine neue Gemeindeform etabliert sich
Es ist eine kleine Gemeinschaft im Werden. Eine Gemeinschaft von Menschen, die sich hier sozial und vielleicht auch geistlich beheimaten und miteinander für ein gemeinsam geteiltes Anliegen tätig werden. Es ist gut, wenn das äußere Netzwerk nun so stark ist, dass nicht Konkurrenz, Neid, Missgunst die zarte Pflanze ersticken. Denn die Gemeinschaft muss sich in ihr Umfeld einfügen. Es wird positive Resonanz geben – aber auch unerwartete Widerstände. Das ist normal. Überall, wo etwas Neues entsteht, verändert sich die Situation auch für die Akteure, die hier – und auf diesem Gebiet – schon länger tätig waren. Manche erleben die neue Initiative als willkommene Unterstützung. Andere als gefährliche Konkurrenz. Es braucht Gespräche und Verständigung, damit sich Vertrauen entwickeln kann.

Der Bedarf an Unterstützung wächst. Es braucht Räume, es braucht Menschen, die in besonderer Weise Zeit und Kompetenzen einbringen können. Es braucht Geld. Und es braucht Strukturen. Aus der Gemeinschaft kann so etwas wie eine kleine Gemeinde werden. Eine neue Gemeindeform. Eine Tochtergemeinde.

Der Jesus-Weg
Wer diesen Weg geistlich betrachtet, entdeckt darin den Jesus-Weg: von seiner Berufung und dem Traum vom Reich Gottes über den Weg hinaus aus der vertrauten Heimat Nazareth in das Land Galiläa; der Gewinnung von Freunden, die bereit sind, Traum und Berufung zu teilen; die aufmerksame Wahrnehmung von Menschen am Rande und oft ganz praktische Taten, die Menschen neugierig werden lassen. Heilsame, wohltuende, verändernde Taten. Wunder werden sie später genannt. Augenblicke mitten im Leben, die Menschen aufmerken lassen. Manche fragen nach. Einige lassen sich anstecken. Wenige machen mit. Wo Menschen sich ansprechen lassen, wo Vertrauen und Gemeinschaft entstanden sind, da verkündet Jesus sein Evangelium. Er erzählt vom Reich Gottes. Von seiner Verheißung, von seiner Kraft und von seinem Lebensstil. Und zugleich wachsen Misstrauen, Ärger und Widerstände im Lager der etablierten Religion. Es braucht viel Glauben, diesen Weg zu gehen.

Glaubensreich – ein Samenkorn-Weg
glaubensreich will diesen Samenkornweg aus kleinen Anfängen heraus fördern. glaubensreich will diesem Samenkornweg eine kirchliche Plattform geben. glaubensreich will ein Entfaltungsraum für (neue) Berufungen in der Kirche sein. Ein Inspirationsraum für das Neue, das aus der Kraft des kommenden Reiches Gottes unter uns geboren werden will. Heute. Nicht aus der Kraft und Macht des schon Vorhandenen, sondern aus der geistvollen Gegenwart Christi. Niemand von uns war schon in der Zukunft, in die wir aufbrechen. Die Zukunft ist ein neues und unbekanntes Land. Aber wir trauen der Verheißung, dass Gott uns aus der Zukunft hilfreich entgegen kommt, wenn wir es wagen, seinem Ruf zu folgen und unseren Fuß in das unbekannte Land der Zukunft zu setzen. Unter unseren Schritten und so wie wir uns entscheiden, wird aus unbekannter Zukunft verheißungsvolle Gegenwart. Schritt für Schritt. glaubensreich wendet sich an Menschen, die glaubensreich solche schritte wagen wollen, die Glauben neu zum Ausdruck und Kirche bewegen wollen. In ökumenischer Offenheit. Über konfessionelle, dogmatische und frömmigkeitsspezifische Grenzen hinweg.

Es gibt keine glaubensreich-Experten, die den Weg oder die Zukunft wissen. glaubensreich ist auch selbst keine „Organisation“. Es ist ein Prozess. Ein Prozess, der gelingt, wo Menschen ihrer Berufung durch Jesus Christus inne werden, andere kennenlernen, die ihre Berufung teilen und es wagen, sich in ihren Kontext hinein aufzumachen, um ihre Berufung zu leben. Ein Prozess, der offen ist für neue Menschen, darin einzusteigen.

glaubensreich bietet zugleich Raum und Unterstützung für den oft mühsamen Weg der innerkirchlichen Vernetzung und Unterstützung. Christen und Christinnen entdecken: „Ich bin mit meinem Traum nicht allein. Da sind andere, die mich begleiten, unterstützen und beraten. Mit ihrem Glauben, mit ihrer Freundschaft, mit ihren Gedanken und Kompetenzen, mit ihrem Gebet – und über einen solidarischen Förderkreis auch mit ihrem Geld.“